Globaler Erfolg, lokale Herausforderungen
Filmstill aus «The Love That Remains» von Hlynur Pálmason. © STILL VIVID

Globaler Erfolg, lokale Herausforderungen

Adrien Kuenzy 22 mai 2025

«The Love That Remains» von Hlynur Pálmason wurde dieses Jahr in der Sektion Cannes Premiere gezeigt, und auch sonst macht das isländische Kino von sich reden. Doch hinter der erfolgreichen Fassade stehen die Filmschaffenden zunehmend unter Druck.

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Der isländische Film hat seit über zehn Jahren einen festen Platz auf der Weltbühne. Filme wie «Rams» von Grimur Hákonarson, «Beautiful Beings» von Guðmundur Arnar Guðmundsson oder «When the Light Breaks» von Rúnar Rúnarsson, der 2024 die Sektion Un Certain Regard in Cannes eröffnete, machten jüngst an Festivals von sich reden. Dieses Jahr feierte «The Love That Remains» von Hlynur Pálmason in Cannes seine Weltpremiere. Gleichzeitig zieht Island mit seinen Landschaften und finanziellen Anreizen wie Steuerrückerstattungen von bis zu 35 Prozent ausländische Produktionen an. Doch hinter der dynamischen Fassade steht die einheimische Filmbranche aufgrund chronischer Unterfinanzierung und der stetigen Suche nach Gleichgewicht auf fragilen Beinen.

«Auf internationaler Ebene geniessen wir heute ein Mass an Vertrauen und Glaubwürdigkeit, das wir vor 20 Jahren nicht hatten», so Gísli Snær Erlingsson, Leiter des Icelandic Film Centre. «Doch wir müssen aufpassen, dass wir nicht zu einer restriktiven Kontroll- und Zugangsinstanz werden. Unsere Aufgabe besteht darin, den Arbeitsraum zu schützen, nicht ihn abzuriegeln.» Das Film Centre, das den Grossteil der öffentlichen Fördergelder verwaltet, verfügt jährlich über 7 bis 10 Millionen Euro zur Produktionsförderung, die zwischen Spiel-, Dokumentar-, Kurzfilmen und Serien aufgeteilt werden. «Wir versuchen, vermehrt junge Talente zu unterstützen, doch der Budgetdruck ist enorm», so Gísli weiter.

Koproduktionen als Notwendigkeit

Für die Produzenten und Produzentinnen sind internationale Koproduktionen nicht länger eine Option, sondern ein Muss. «Seit 2011 habe ich fast all meine Filme koproduziert», erklärt Anton Máni Svansson, Produzent bei Still Vivid, unter anderem von «The Love That Remains». «Unsere lokalen Ressourcen sind zu begrenzt für unsere Ansprüche. Ohne internationale Koproduktionen hätten wir keine Chance.» Hilmar Sigurdsson, Produzent bei GunHil, ergänzt: «Ausländische Partnerschaften sind ein kreativer Ansporn, aber auch ein Balanceakt. Es gibt stets Spannungen zwischen künstlerischer Vision und Markterwartungen.»

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Filmstill aus «The Love That Remains» von Hlynur Pálmason.© STILL VIVID

Der Binnenmarkt wächst: Während in den 1980er-Jahren drei Langfilme pro Jahr produziert wurden, sind es nun acht bis zehn, bei einer Bevölkerung von 380'000 Menschen. Isländische Filme machen 5 bis 15 Prozent der Kinoeintritte aus. «Island hat ein bemerkenswertes Wachstum verzeichnet, doch die Fördermittel ziehen nicht nach», betont Anton. «Die öffentlichen Gelder für das laufende Jahr sind schon fast aufgebraucht, und die meisten grossen Förderungen für das nächste Jahr bereits vergeben. Das gab es noch nie.» Die Steueranreize, die ausländische Produktionen anlocken sollen, kommen auch inländischen Filmen zugute, doch aufgrund ihrer bescheidenen Budgets liegt der Satz oft bei nur 25 Prozent.

Trotz dieser Einschränkungen sind sich die Filmschaffenden über die künstlerische Einzigartigkeit ihrer Filme einig. «Sie vermischen rohen Realismus und Surrealismus, mit wenigen Dialogen, schwarzem Humor und einer grossen Naturverbundenheit», analysiert Hilmar. Wie sich in Cannes seit mehreren Jahren zeigt, findet diese Mischung Anklang, doch sie führt auch zu Spannungen. «Ausländische Koproduktionspartner erwarten zuweilen universellere Geschichten oder klarere Erzählstrukturen. Hier gilt es, die Essenz des Projekts zu verteidigen, ohne seine Reichweite zu gefährden», fügt er an.

“Wir müssen ein Umfeld schaffen, in dem Rückschläge Teil der Karriere sind und nicht deren Ende bedeuten”
Gísli Snær Erlingsson

Erwartete Reformen

Um dieses empfindliche Gleichgewicht zu erhalten, fordert die Branche gezielte Reformen. «Wir müssen ein Umfeld schaffen, in dem Rückschläge Teil der Karriere sind und nicht deren Ende bedeuten», betont Gísli, der zurzeit an einem Programm für Nachwuchstalente arbeitet. Hilmar plädiert für «flexiblere Finanzierungsmodelle, Entwicklungsförderung und verstärkte Unterstützung für Kurzfilme und experimentelle Projekte». Anton wiederum ist für die Schaffung eines spezifischen Förderinstruments für Langfilme mit kleinem Budget und eines vereinfachten Prozesses für Kurzfilme, um den bürokratischen Aufwand zu reduzieren.

Ein weiteres wichtiges Anliegen ist die Genre-Diversifizierung. «Wir müssen über Autorenfilme hinausgehen und zum Beispiel in Animation, Science-Fiction oder Horror investieren», so Hilmar. Anton gibt sich vorsichtig optimistisch in Bezug auf die aktuellen Gespräche mit dem Kulturministerium. «Wenn die Regierung das volle Potenzial unserer Industrie erkennt, können wir die Finanzierung stabilisieren, das Budget des Fonds an die realen Kosten anpassen und langfristig mehr Sichtbarkeit schaffen. Das würde die Projektvielfalt und die Risikofreudigkeit fördern, zugunsten des lokalen und internationalen Publikums.»

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