Für mehr Vielfalt im Film
Filmstill aus «Clara sola» von Nathalie Álvarez Mesén. © Trigon-Film

Für mehr Vielfalt im Film

Silvia Posavec 19 septembre 2025

Der Diskurs über Diversität und Gleichstellung hat die globale Filmindustrie in den vergangenen zehn Jahren zunehmend beschäftigt. Dabei geht es um Geschlechtergerechtigkeit, aber auch transsexuelle, non-binäre und in westlichen Gesellschaften marginalisierte Gruppen fordern ihren Platz in der Branche ein.

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Eine Studie der US-amerikanischen Annenberg Inclusion Initiative von 2024 zeigt, dass der Anteil weiblicher Sprechrollen in den weltweit 100 erfolgreichsten Filmproduktionen seit 2007 kaum gestiegen ist: Das Verhältnis männlicher zu weiblichen Rollen stagniert bei 2,2 zu 1. Auch Filmschaffende unterschiedlicher Ethnien und aus der LGBTQ+-Gemeinschaft bleiben unterrepräsentiert. Wie wird das Problem angegangen, welche Konzepte zeigen Wirkung, und wo besteht weiterer Handlungsbedarf?

Filmfestivals sind zu wichtigen Bühnen für Initiativen gegen Diskriminierung und strukturelle Ungleichheiten geworden. Ein bedeutender Moment war der Protest auf dem roten Teppich in Cannes 2018: Unter Jurypräsidentin Cate Blanchett demonstrierten 82 Frauen, unter ihnen Agnès Varda, Léa Seydoux und Jane Fonda, für mehr Gleichstellung. Seitdem stehen auch Festivals selbst bei der Jury- und Wettbewerbsauswahl verstärkt unter Beobachtung.

Einzelne Unternehmen präsentieren ihr Engagement öffentlichkeitswirksam, wie etwa Kering: Das «Women in Motion»-Programm des französischen Luxuskonzerns vergibt jährlich in Cannes Auszeichnungen und organisiert Gespräche, bei denen Filmschaffende wie Nicole Kidman offen über Gleichstellung und Perspektiven von Filmschaffenden sprechen. Kidman arbeitet mit Nachwuchsregisseurinnen zusammen und fungiert als Vorbild. Sie und weitere Prominente fungieren als wichtige Impulsgeberinnen, verleihen zusätzlich Sichtbarkeit.

Finanzielle Unterstützung

Ein zentrales Hindernis für mehr Gleichstellung und Diversität im Film bleibt der Zugang zu finanziellen und strukturellen Mitteln. Eine European Women’s Audiovisual Network-Studie von 2016 zeigt, dass Regisseurinnen in sieben europäischen Ländern deutlich geringere Filmbudgets erhalten. Aus Erkenntnissen wie diesen entstanden gezielte Förderangebote, die neue Ansätze im Bereich der Projektfinanzierung erproben.

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Filmstill aus «My Favourite Cake» von Maryam Moghaddam und Behtash Sanaeeha. © Hamid Janipour / A la mode Film

Die US-amerikanische Non-Profit-Organisation Breaking Through The Lens (BTTL) richtet sich an unterrepräsentierte Filmschaffende – darunter Frauen, transsexuelle und non-binäre Personen – und verbindet sie mit interessierten Investoren. BTTL ist eine Finanzierungsplattform und bietet ihren Teilnehmenden Mentorate und Workshops. Bereits ihre erste Präsentationsrunde 2019 zeigte Wirkung: Der Spielfilm «Clara Sola», Regiedebüt der costa-rikanisch-schwedischen Nathalie Álvarez Mesén, wurde von BTTL unterstützt und feierte zwei Jahre später Premiere bei der Quinzaine des Cinéastes in Cannes.

Einen anderen Ansatz verfolgt das in den Niederlanden angesiedelte Netzwerk New Dawn. Es wird aus öffentlichen Mitteln von neun europäischen und einer kanadischen Filmförderinstitution finanziert und unterstützt Erst- und Zweitfilme unabhängiger Produktionen mit bis zu 200’000 Euro – vorausgesetzt, es liegt bereits eine nationale oder regionale Förderung vor. Im Zentrum stehen Projekte von unterrepräsentierten Filmschaffenden. Ein Beispiel ist der Film «My Favourite Cake» des iranischen Duos Maryam Moghaddam und Behtash Sanaeeha, der 2024 im Wettbewerb der Berlinale vertreten war.

Was Diversität angeht, setzen Streaming-Plattformen Massstäbe. Netflix engagiert sich mit dem Netflix Fund for Creative Equity, der seit 2021 rund 29 Millionen US-Dollar in Projekte in über 35 Ländern investiert. 2024 entstand beispielsweise ein Programm für junge Regisseurinnen aus arabischen Staaten in Zusammenarbeit mit dem Arab Fund for Arts and Culture, ebenso unterstützte Netflix acht US-amerikanische transsexuelle Filmschaffende in Kooperation mit dem Transgender Film Center. 2024 erhielten erstmals die Hälfte der 100 erfolgreichsten Netflix-Produktionen den «ReFrame Stamp», ein Gütesiegel für geschlechtergerechte Besetzungen.

Sichtbarkeit und öffentlicher Druck sind wichtig, ebenso gezielte Förderprogramme. Doch für nachhaltige Veränderungen braucht es mehr: strukturelle Massnahmen wie verbindliche Produktionsstandards, die Implementierung von einer Inklusionsklausel in Arbeitsverträgen oder gesetzliche Vorgaben. In Grossbritannien hat das British Film Institute 2016 die BFI «Diversity Standards» eingeführt. Sie definieren konkrete Kriterien für Diversität und sind Voraussetzung für eine BFI-Förderung sowie die Teilnahme an den BAFTA Awards.

Doch die langfristige Wirkung aller Massnahmen hängt nicht nur von stabilen finanziellen und politischen Rahmenbedingungen ab, auch die Gesellschaft ist gefordert. Ein tiefgreifender kultureller Wandel hin zu mehr Gleichstellung und Diversität innerhalb und ausserhalb der Filmbranche ist noch nicht vollzogen.

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