«Wir vertreten zwei Generationen des Schweizer Filmschaffens» – ein Gespräch mit Séverine Cornamusaz und Samir.
Wann wurde entschieden, Sie für die Nachfolge von Christian Frei vorzuschlagen?
Séverine Cornamusaz (SC):Der Vorstand gibt eine entsprechende Empfehlung an die Mitglieder ab, und diese stimmen an der Mitgliederversammlung in Locarno darüber ab. Ich war ursprünglich nur einfaches Mitglied, nachdem mein Film «Cœur animal» 2010 zwei Quartz gewann. Samir ist seit Beginn dabei, er ist einer der Gründer der Filmakademie.
Samir (S):Wir waren uns rasch einig, dass wir eine Frau an unserer Spitze möchten. Aufgrund meiner Erfahrung, und da es in der Branche einige Veränderungen geben wird, insbesondere als Folge des revidierten Filmgesetzes, wurde ich angefragt, ob ich an der Präsidentschaft interessiert sei. Doch ich hatte keine Lust, dieses Amt alleine zu übernehmen, einerseits weil ich es wichtig finde, dass die vier Kulturen unseres Landes bestmöglich vertreten sind, und andererseits weil Gleichstellung ein zentrales Anliegen ist. Als Einwanderer, der in den Sechzigerjahren in die Schweiz kam, stehe ich selbst für eine Art von Diversität.
SC: In unserer Verschiedenheit liegt unsere Stärke. Wir gehören unterschiedlichen Altersgruppen an und können daher zwei Generationen des Filmschaffens vertreten. Unsere Zusammenarbeit ist sehr anregend und schafft so etwas wie eine dritte Kompetenz. Ich glaube, man hat mir diese Ko-Präsidentschaft vorgeschlagen, weil «Cœur animal» einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat und auch heute noch viel Sympathie erfährt.
Was sind die aktuellen Herausforderungen der Schweizer Filmakademie?
S: Zunächst müssen wir die Brücken zwischen den vier Kulturen stärken, und dann die Übergabe an die nächste Generation vorbereiten. Den Vereinen fehlt der Nachwuchs; die Akademie stellt hier keine Ausnahme dar. Doch ein gutes Netzwerk ist unerlässlich, und die jungen Filmschaffenden müssen verstehen, dass es an ihnen ist, dieses Netzwerk neu zu gestalten – Gott wird es nicht an ihrer Stelle tun (lacht).
SC:Ohne eine Nominierung Mitglied der Akademie zu werden ist schwierig; das erklärt einiges. Für mich ist das eine der grossen Herausforderungen: die Vertretung der Frauen und der jungen Generation, die frisch vom Studium kommt, zu stärken. Auch das Tessin ist nicht ausreichend repräsentiert.
Wie würden Sie die Rolle der Filmakademie definieren, die ja unpolitisch bleiben muss?
SC: Unser Ziel ist es, Schweizer Filmen zu mehr Sichtbarkeit zu verhelfen und die Branche gegenüber diversen Instanzen zu vertreten. Die Akademie ist ein Ort des Austauschs und des künstlerischen Denkens. Diesen Aspekt möchten wir unterstreichen und verstärken. In der Schweiz gibt es bereits genügend Interessenverbände mit politischen Zielen. Wir hingegen müssen auch die Beziehungen zwischen Mitgliedern, dem Vorstand und dem BAK pflegen.
S: Schliesslich vergibt das BAK die Preise, auch wenn die Akademie die Preisträger:innen auswählt. Dazu muss man anmerken, dass wir im Gegensatz zu den meisten europäischen Akademien ein sehr begrenztes Budget haben, das sich nur aus Mitgliederbeiträgen speist.
SC: Die Akademie ist auch ein Ort der Demokratie, den es unbedingt zu bewahren gilt. Gewisse Personen, die öffentliche Ämter bekleiden, können sich dort frei ausdrücken und anonym für einen Film stimmen. Das ist ein enormer Luxus.
Widerspiegeln die Kategorien des Schweizer Filmpreises die Realität der audiovisuellen Landschaft ausreichend?
S: Diese Diskussion wird jedes Jahr aufs Neue geführt. Andere Länder vergeben beispielsweise auch einen Regiepreis usw. Das alles muss mit dem BAK abgesprochen werden, das die Preisgelder bezahlt, sowie mit unseren Gründerverbänden und Mitgliedern.
SC: Wir verstehen, dass gewisse Berufsgruppen enttäuscht sind, weil viele wichtige Berufe nicht vertreten sind. Zu diesem Zweck wurde der Spezialpreis geschaffen, mit dem Personen ausgezeichnet werden können, die keiner bestehenden Kategorie angehören.
Was ist die Rolle des Film Academy Network Europe, dem auch die Schweizer Filmakademie angehört?
SC:Jedes Mitgliedland des FAN bringt einmal pro Monat seine dringlichsten Themen zur Sprache. In letzter Zeit wurde natürlich viel über die Ukraine diskutiert, die sämtliche Filmakademien Europas aufgefordert hat, alle russischen Filme zu boykottieren. Im Gegensatz zur europäischen Filmakademie hat die Schweiz dies abgelehnt.