Wie setzen Sie sich als Direktorinnen im Festivalbereich für die Gleichstellung der Geschlechter und gegen Diskriminierung ein?
Anaïs Emery (AE): An Filmfestivals steht man immer unter Druck, insbesondere wenn man in leitender Funktion tätig ist. Meine Position als Direktorin zu halten, mich zu behaupten und mit gemischten Teams zu arbeiten, ist an sich schon ein Kampf gegen Diskriminierung. Allgemein gibt es bei Festivals Unterschiede zwischen Bereichen wie Kommunikation, in denen die Frauen in der Mehrheit sind, und Positionen mit Entscheidungsmacht oder in der Programmgestaltung, die hauptsächlich männlich besetzt sind. Das GIFF ist derzeit jedoch mehrheitlich in weiblicher Hand.
Émilie Bujès (ÉB): Seit ich im Amt bin, war unsere Auswahlkommission immer gemischt. Zurzeit besteht das Team von Visions du Réel mehrheitlich aus Frauen, was sich ganz natürlich ergeben hat. Es ist wichtig, das Bewusstsein für diese Themen zu schärfen und auf Gleichstellung zu achten, bei der Personalauswahl wie in der Programmgestaltungn.
Auf künstlerischer Ebene sind Frauen in der Filmauswahl weniger vertreten als Männer, insbesondere in den Wettbewerben und Branchenprogrammen. Wie positioniert sich Ihr Festival in dieser Hinsicht?
AE: Das GIFF hat die Charta für Gleichstellung und Diversität an Filmfestivals unterzeichnet und verpflichtet sich zur Transparenz in Bezug auf Auswahlkommissionen und Statistiken. Die Problematik reicht aber weiter: Festivals sind sehr sichtbar, doch sie befinden sich am Ende der Kette und können Missstände in Bezug auf Gleichstellung im Ausbildungs- und Produktionsbereich nicht allein beseitigen. Hier müsste die gesamte Kette mithilfe gemeinsamer Instrumente in die Verantwortung genommen werden. Das GIFF ist bereit, seinen Teil beizutragen.
ÉB: Auf Festivalebene können wir unseren Branchenprojekten besondere Aufmerksamkeit schenken, denn unsere Auswahl für die Branchenprogramme trägt direkt dazu bei, dass Produktionen realisiert werden können. Das bedeutet zum Beispiel, genügend Projekte von Frauen zu suchen, damit sie Partner finden können. Deshalb ist Diversität in den Auswahlkommissionen unerlässlich, um die Projekte aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten.
Welche strukturellen Veränderungen sind Ihrer Meinung nach notwendig, um die Filmbranche partizipativer zu machen?
AE: Wir befinden uns diesbezüglich gerade in einer Übergangsphase. In diesem Stadium ergibt es meiner Meinung nach Sinn, alle Massnahmen parallel einzusetzen, egal ob es um mehr Sicherheit am Filmset oder um Diversitätsförderung geht. So können wir ein gesünderes Umfeld schaffen.
ÉB: Gleichstellung hängt nicht nur von finanziellen, sondern auch von gesellschaftlichen Aspekten ab. Frauen müssen zum Beispiel öfters auf eine Karriere verzichten, wenn sie Kinder haben. Wir vertreten eine moderne Vision der Gesellschaft, wo Frauen die gleichen Chancen haben, doch in der Realität funktioniert die Gesellschaft in der Schweiz noch nicht so. Ich habe im Übrigen den Eindruck, dass die Debatte über den Frauenanteil in Führungspositionen vor einigen Jahren sehr präsent war, während heute die mehrheitlich männliche Besetzung von Schlüsselpositionen wieder breitere Akzeptanz findet – das ist problematisch.