Der Writer's Day ist eine der Veranstaltungen, die sich im Industry-Rahmenprogramm des Zurich Film Festivals etabliert hat. In Kooperation mit dem Festival lädt das Schweizer Radio und Fernsehen SRF zu einem halbtägigen Branchentreffen ein, das neben den im Titel genannten Drehbuchautoren und -autorinnen auch Filmschaffende, Produzenten und Produzentinnen sowie junge Talente offen steht. Den Kern der Veranstaltung bildeten in diesem Jahr drei moderierte Expertengespräche.
Was KI nicht kann
Spätestens seit des Streiks Drehbuchautoren und -autorinnen in den USA wird über den Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der Filmbranche breit diskutiert. Auch in der Schweiz wurden erste Erfahrungen im Umgang mit der Technologie gesammelt. Regisseur Peter Luisi sprach von seinem Arbeitsprozess während der Umsetzung von «The Last Screenwriter», ein von ihm inszenierter Spielfilm, dessen Drehbuch er mit einer KI generiert hatte. Neben ihm nahmen auch der deutsche Drehbuchautor und Publizist Oliver Schütte, dessen Buch «Zukunft schreiben – KI-Tools für Autorinnen und Autoren» im Juni 2024 erschien, sowie SRF-Redaktor Benjamin Magnin, Leiter eines internen KI-Serienprojektes des Senders, am Podium teil. Der praxisnahe Erfahrungstausch zeigte, dass die Berührungsängste mit der KI längst verflogen sind – doch ebenso die Vorstellung, dass es sich dabei um ein übermächtiges Wunderwerkzeug handle. Von KI produzierte Ideen werden oft als generisch oder gefällig wahrgenommen, wohingegen mit KI betriebene Programme sich bei begrenzten Aufgabenstellungen als wirksam erwiesen haben. Etwa bei konkreten, globalen Figurenanpassungen in bereits existierenden Drehbüchern, bei inhaltlichen Recherchen zu spezifischen Themen oder als digitaler Konfrontations- und Ansprechpartner bei der Ideenfindung sowie der Überwindung von Schreibblockaden. Man ist sich einig, dass sich KI im Arbeitsalltag von Autoren und Autorinnen etablieren wird, das menschliche Schaffen aber bis auf weiteres noch nicht ersetzen kann.
Serienproduktion im Wandel
Zwei weitere Gesprächsrunden waren der Entwicklung von Serien gewidmet. Die anwesenden Autoren Annette Hess («Deutsches Haus», Disney+) und Hanno Hackfort («Kleo», Netflix), sprachen über ihre erfolgreichen Serienprojekte und den ständigen Wandel der Branche. Nach einer anfänglichen Euphorie für neue Stoffe zeichne sich nun eine Ernüchterung ab. Doch sind für Annette Hess Überraschungserfolge wie «Baby Reindeer» ein Zeichen dafür, dass wirklich eigenständige und persönliche Geschichten das Potenzial haben, auch international erfolgreich zu werden. Hackfort unterstreicht die Bedeutung lokal verankerter Erzählungen. Der Leitspruch «Je lokaler, desto globaler» («The more local, the more global») habe sich im Gegensatz zu vielen anderen Glaubensätzen bewahrheitet. Authentische Stoffe würden auch international angenommen, auch wenn im deutschsprachigen Raum entwickelte Serien in erster Linie an ihrem Erfolg in Deutschland, Österreich und der Schweiz (im DACH-Raum) gemessen werden. Aus dem Gespräch geht zudem hervor, dass nach einer Phase, in der Onlineplattformen als Innovationsträger vorangegangen seien, nun auch öffentlich-rechtliche Sender offener für ambitionierte Serienproduktionen seien, was ihnen wieder mehr Bedeutung zukommen lasse.
Mythos Writers' Room
Ein Beispiel für ein erfolgreiches Serienprojekt des SRF ist die Schweizer Polizei-Serie «Tschugger», dessen Ko-Autor Pascal Glatz am dritten Podiumsgespräch des Tages teilnahm. Gemeinsam mit Eszter Angyalosy vom TorinoFilmLab und dem US-amerikanischen Produzenten und Talentmanager Marc Mounier sprach er über den Einstieg in die Branche. Glatz baute sich über die Arbeit an Filmsets ein Netzwerk auf, aus dem sich langjährige Zusammenarbeiten ergaben. Die nicht zu unterschätzende Bedeutung des eigenen Netzwerks stellt auch Mounier hervor, doch wird deutlich, dass jungen Filmschaffenden in Europa im Vergleich zu den USA mehr Fördermöglichkeiten offen stehen. Als Studienleiterin des Torino Film Lab stellt Angyalosy die Programme des italienischen Förderinstituts vor. Sie sollen Filmschaffende auf die Realität des Arbeitsalltags in Writers' Rooms vorbereiten, in dem sie ihnen intensive Drehbuch- und Produktionsbegleitung anbieten und sie «Pitching-Trainings», in denen sie üben ihre Projekte Interessierten vorzustellen, durchlaufen lassen. Letztlich wird deutlich, dass es sich beim Schreiben für Serien um einen kollaborativen Prozess handelt, der starke Ideen, starke Persönlichkeiten und ein hohes Mass an Professionalität voraussetzt.
Eszter Angyalosy, Sie haben als Drehbuchautorin angefangen, waren später in der Serienentwicklung von HBO Ungarn tätig und sind heute Studienleiterin des Torino Film Lab, wo sie unter anderem unterschiedliche Fördergefässe der Serienentwicklung («SeriesLab») betreuen. Während des Podiumsgesprächs in Zürich im Rahmen des Writer's Day sprachen Sie davon, dass sie als Teilnehmerin von Programmen oft enttäuscht wurden. Was hat Sie damals gestört?
Es hat mich immer enttäuscht, wenn behauptet wurde, dass das einzige was man brauche, ein gutes Projekt sei. Denn das stimmt so nicht, die Industrie funktioniert anders. Folgendes ist passiert: Man hat an einem Tutorenprogramm teilgenommen, es wurde einem Mentor zur Seite gestellt und das Projekt wurde verbessert. Doch dann war man fertig und wieder auf sich alleine gestellt. Das war unehrlich, da falsche Erwartungen geschürt wurden. Doch so, wie die Industrie wuchs, wuchs auch die Projektnachfrage und somit auch das Angebot an Förderprogrammen.
Zum Erfolg gehört also mehr als nur eine gute Projektidee. Welche anderen Faktoren würden Sie nennen?
Ich bin total davon überzeugt, dass es diese fünf Punkte braucht: Das erste ist ein ausserordentlich gutes Projekt, das ist offensichtlich. Das zweite sind die Fertigkeiten sich im Sektor zu behaupten. Das Fernsehen ist eine Industrie und nur Talent reicht nicht aus. Man muss wissen, was man tut und muss mit vielen Menschen zusammenarbeiten, man muss wirklich professionell arbeiten. Drittens muss man die richtigen Leute kennen, um an den richtigen Türen anklopfen zu können. Viertens: Glück. Oft muss man einfach Glück haben. Und fünftens, und das ist sehr interessant: Timing. Manchmal werden gute und innovative Projekte nicht realisiert, weil sich aus irgend welchen Gründen die Umstände geändert haben.
Was sind die grössten Missverständnisse, die die Leute über die Arbeit in einem Writers' Room haben?
Ich kann nur meinen subjektiven Eindruck schildern, aber ich habe oft erlebt, dass man versucht hat, einen demokratischen Writers' Room zu erschaffen. Was meiner Ansicht nach wenig hilfreich ist. Bei Projekten werden oftmals drei Autoren oder Autorinnen in einen Raum gesetzt und sie sollen dann selbst herausfinden, wie sie arbeiten wollen. Was passiert ist, dass sie versuchen werden, eine Idee zu finden, die alle von ihnen mögen. Sie werden anfangen, Kompromisse zu machen. Doch die Idee, die alle gut finden, ist nicht stark genug. Doch wenn eine Person mit einer Vision unter ihnen ist, dann ist sie es, die mutige und riskante Inhalte vorantreiben kann. Wir sprechen hier von grossen Projekten, für die sehr viel Geld benötigt wird. Ich habe oft erlebt, dass demokratische Writers' Rooms immer wieder bei Null anfangen mussten, weil sie nicht vorangekommen sind. Ohne eine wirklich starke Vision für ein Projekt, gibt es keinen Fortschritt.