Es ist schwer zu glauben, dass er das erste Mal in Cannes ist. Max Hubacher fügt sich nahtlos ein in die illustre Gesellschaft europäischer Berufskollegen wie des Schauspielers Daniel Brühl oder des Regisseurs Ruben Östlund, die, auf die Tische der Terrasse des Nobelhotels Mondrian verteilt, zu Mittag essen. Hier findet auch unser Gespräch statt.
Am Festival war er nicht mit einem eigenen Werk vertreten. «Vielleicht nächstes Jahr», sagt er verschmitzt, und ergänzt sofort, dass er aber nicht über die aktuellen Projekte sprechen dürfe, die dies ermöglichen könnten. Soviel gibt er dann doch preis: «Die Spielsprache ist Englisch. Ich spiele aber einen Deutschschweizer, der Französisch mit Akzent spricht.» Das hat sicherlich etwas Befreiendes, muss Max doch sonst auf sprachlicher Ebene das ausgesprochen Schweizerische ablegen. Auf jeden Fall dann, wenn er in Deutschland dreht. In den nächsten Monaten werden gleich zwei Fernsehproduktionen ausgestrahlt werden: «Sterben für Beginner» (oder auch «The End») und «Schimmelreiter» nach der Novelle von Theodor Storm.
Serien und historische Stoffe
Max' Filmografie wächst und damit seine Erfahrung mit verschiedenen Formaten und Genres. 2023 spielte er in der Serie «Sisi» mit. Anders als bei einem Film erstrecke sich die Arbeit auf einen längeren Zeitraum. Es komme zu Unterbrüchen, die man mögen müsse, meint er. Eigentlich ziehe er es vor, in einem Stück fertig zu werden. Verschnaufpausen könnten aber auch praktisch sein, wie jetzt für seine Cannes-Reise. Bei einer Serie forme man eine Rolle über eine längere Zeit. «Spannend ist es, wenn man nicht unbedingt Empathie für die Figur entwickeln muss, sondern eine Figur spielt, die irritiert».
Neben «Sisi» übernahm er auch eine Rolle in der Serie «Frieden» (2020), seinen Durchbruch hatte er dank seiner Hauptrolle in «Der Verdingbub» (2011), und Anfang 2024 erschien «Jakobs Ross». «Was mir bei historischen Figuren am meisten gefällt, ist, dass ich in ein Kostüm schlüpfen kann, mit dem ich automatisch einen bestimmten Habitus übernehme. Bei 'Jakobs Ross' war ich komplett barfuss. Das Schuhwerk entscheidet über den Gang, ob er schwerfällig oder leichtfüssig ist. Ich habe auch falsche Zähne bekommen und eine Art Vokuhila-Frisur mit einem langen Haarteil hinten.»
Ein Blick auf sein Rollenrepertoire zeigt Max' Vielseitigkeit. Diese erstreckt sich vom Möchtegern-Punk in «Lasst die Alten sterben» (2017) über den Antihelden in «Der Hauptmann» (2017) und den zum Mörder mutierenden Spitzensportler in «Der Läufer» (2018) bis zur Interpretation eines real existierten österreichischen Arztes in «Monte Verità» (2021). «Ich freue mich jedes Mal wieder etwas Neues kennenzulernen. Das ist das, was ich wahnsinnig spannend finde», meint Max, «Ich mag es fast lieber, wenn die Figur, die ich spiele, möglichst weit weg von mir selbst ist. Auch wenn ich immer auch einen persönlichen Bezug zu jeder Rolle finde.»
Heimat
Er wechselt nicht nur zwischen den Figuren hin und her, sondern auch zwischen den Sprachen und den Wohnorten. Max lebt zwischen Bern und Berlin. In der Schweiz zu drehen sei wie ein «Nachhausekommen», auf Schweizerdeutsch zu spielen allerdings harte Arbeit. Es gehe darum, das Geschriebene wirklich so zu spielen, «wie einem der Schnabel gewachsen sei». Die Worte dürften nicht so klingen, als seien sie vom Hochdeutschen übersetzt worden. Die Drehbücher seien natürlich bereits auf Schweizerdeutsch, doch um es sich zu eigen zu machen, bedürfe es an der einen oder anderen Stelle individueller Anpassungen. «Wenn ich ein Schweizer Projekt mache, berechne ich entsprechend mehr Zeit dafür.» Dialektexperten und Dialektredner stünden beratend zur Seite.
Bei diesen «Heimspielen», sagt Max, «arbeite ich mit Menschen zusammen, von der Technik zum Kostüm über die Maske, die während meiner Karriere Wegbegleiter waren. Man schwelgt in Erinnerungen.» Wenn er an seine Anfänge zurückdenkt, erinnert sich Max daran, wie er aus dem geregelten Schul- und Arbeitsalltag ausbrechen wollte. In der 7. Klasse nahm er dann an einem Vorsprechen für ein Theaterstück in Zürich teil – und wurde genommen. So begann seine Karriere als Schauspieler, motiviert durch die Unterstützung seiner Grossmutter, und: «ich hatte einfach das Riesenglück, kontinuierlich zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein».
«Jakobs Ross» läuft in Locarno in der Sektion Panorama Suisse.