Sayaka Mizuno stellt am Festival Visions du Réel ihren ersten Langfilm vor, der die unerwartete Begegnung zwischen einem Bauern und einer jungen Frau auf Sinnsuche einfängt. Porträt einer Filmemacherin, die Gegensätze in Dialoge verwandelt.
In die Realität eintauchen, um sie dann neu zu erfinden: So entstehen Sayaka Mizunos Filme. Ihr erster Langfilm, der im nationalen Wettbewerb des Festivals Visions du Réel läuft, ist beispielhaft dafür. «Colostrum» entführt uns auf eine abgelegene Alp im Val d’Illiez, wo die junge freiwillige Helferin Solène dem Bergbauern Pascal zur Hand geht. «Während der Corona-Pandemie zog es mich aus der Stadt hinaus an die frische Luft. Also meldete ich mich für einen Caritas-Bergeinsatz», so die an der HEAD und ECAL ausgebildete Filmemacherin «Eine Woche bei Pascal veränderte mein Leben: die harte Arbeit, die körperliche Ausdauer, die Einsamkeit. Ich bekam Lust, das zu filmen.»
In «Colostrum» verschwimmt zuweilen die Grenze zwischen Realität und Fiktion. Solène verkörpert diese Durchlässigkeit: Die Figur ist teilweise erfunden, ihr Vorname nicht der ihrer Darstellerin. Jenseits dieser subtilen Verschiebungen inszeniert der Film die Spannung zwischen zwei Welten: der bodenständige Pascal und die ökofeministische Solène mit ihrer intuitiven Verbindung zur Natur. Die beiden Welten streifen sich, prallen aufeinander und nähern sich schliesslich an. Im Film kommt dies nicht nur als Dialektik der Ideen, sondern auch durch Taten und körperliche Ausdauer zum Ausdruck. Mizuno fängt die körperliche Anstrengung mit der Kamera ein: «In meiner Jugend trainierte ich Eiskunstlauf und Tanz. Salomé, die Solène spielt, hat auch dieses Gespür für Bewegung. Das wollte ich im Film sichtbar machen».
Auch Klänge prägen den Film: Maschinenbrummen, Atemgeräusche und ein Theremin mit Science-Fiction-Charakter verleihen den Schauplätzen eine sonderbare Aura, sodass sie wie eigenständige Figuren wirken. «Ich war immer schon besessen von Architektur und Örtlichkeiten», bekennt die Filmemacherin. Von der Industriestadt Kawasaki («Kawasaki keirin», 2016) bis zu den benachteiligten Vierteln Kyotos («Le Sanctuaire invisible», 2019) erforschen ihre Werke, was Orte über die Menschen verraten, die sich darin bewegen.
Den eigenen Platz finden
In Mizunos frühen Filmen geht es um Herkunft und Zugehörigkeit. Ihr erster Kurzfilm «Cet enfant qui est mon père», der 2014 an der HEAD entstand, ergründet ihre Familiengeschichte und ihre Verbindung zu Japan: «Meine Recherchen werden immer vom Bedürfnis geleitet, zu meinen Wurzeln zurückzufinden». Ihre Arbeit entstand lange zwischen zwei Welten, zwei Identitäten. «Hier werde ich nicht wirklich als Schweizerin wahrgenommen, und in Japan bin ich keine richtige Japanerin. Durch den Film konnte ich eine Brücke zwischen den beiden Welten bauen». «Colostrum» stellt einen Wendepunkt dar: An die Stelle der Vergangenheitsforschung tritt das Bedürfnis nach Verankerung. «Heute habe ich Lust, mein Geburtsland, die Schweiz, besser kennenzulernen».
Wie bei den Dreharbeiten geht Mizuno auch beim Schnitt instinktiv vor: «Ich lasse viel Raum für die Ideen der anderen, insbesondere der Schnittmeisterin Myriam Rachmuth. Wir führten einen richtigen Dialog», erklärt Mizuno. Rachmuth bestätigt: «Durch das Eintauchen in ihre Welt habe ich sehr viel gelernt. Sayaka hat eine starke filmische Vision und weiss, was ihr gefällt. Sie hat mir ihre Vorstellungen auf sehr organische Weise vermittelt, und so haben wir gemeinsam die Sprache für den Film gefunden». Dieselbe Offenheit lässt Mizuno auch in der Produktion walten.
Um ihren Lebensunterhalt nicht allein mit Filmemachen bestreiten zu müssen, lehrt Mizuno in Teilzeit Bildende Kunst. Doch der Übergang zum Langfilm stellt andere Ansprüche. «Dies ist mein erster Film mit vollkommen professioneller Produktion. Ich entdecke eine neue Welt, von der Zusammenarbeit mit dem Verkaufsagenten bis zur Erstellung des Plakats und des Trailers. Ich bin dankbar, dass mich ausgewählte Personen auf diesem Weg begleitet haben, ohne mir einen starren Rahmen aufzuzwingen». Es bleibt abzuwarten, auf welches sichtbare oder unsichtbare Gebiet sie ihre Kamera als Nächstes richtet.