Der Film als Gemeinschaftswerk
Filmstill aus «Osteria all'undici». © Picfilm
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Der Film als Gemeinschaftswerk

Alexandre Ducommun 10. Januar 2025

Filippo Demarchi, dessen erster Langfilm «Osteria all’undici» in der Kategorie Visioni der Solothurner Filmtage gezeigt wird, untersucht mögliche Verbindungen zwischen Innerstem und Gemeinschaft, indem er seine persönliche Geschichte mit der Welt, die ihn umgibt, vermischt.

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«Wenn ich nur mich selbst filme, bin ich narzisstisch. Wenn ich nur andere filme, versteht man nicht, wieso ich dieses Thema behandle. Das Gleichgewicht muss irgendwo dazwischen liegen». Dies war im Wesentlichen die Motivation des Filmemachers Filippo Demarchi, als er einen Dokumentarfilm über seinen «Burnout» vorbereitete. Mit den von Agnès Varda inspirierten Worten begründet er seine Selbstinszenierung als Figur in einer Geschichte, die letztendlich seine eigene ist – aber nicht nur. «Osteria all’undici» ist auch die Geschichte eines Ortes, eines bescheidenen Tessiner Kaffeerestaurants und Betriebs zur beruflichen Wiedereingliederung.

Aus unterschiedlichen persönlichen Geschichten, einerseits der des Filmemachers selbst, aber auch denen seines Umfelds und seiner Begegnungen in der Osteria, die alle um das Thema psychische Gesundheit kreisen, kristallisieren sich Gemeinsamkeiten heraus. Der Ort als Ausgangspunkt bietet die Möglichkeit, einen klar umrissenen, geschützten Raum zu erschaffen, sowohl für den Filmemacher als auch für die Personen, die sich darin bewegen. «Dank diesem Ort konnte ich mich an einer Geschichte orientieren anstatt an Personen, die im Lauf eines Projekts kommen und gehen können», erklärt Demarchi. «Bei dieser Art von Film kann man nie wissen, wie viel die Leute zu teilen bereit sind. In der Osteria zu drehen ist ein Weg, ihr Vertrauen zu gewinnen.»

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Filippo Demarchi. © Alexandre Ducommun

Eine Spur hinterlassen

Bereits in seinem vorangehenden mittellangen Film «La mia danza» vermischte der Regisseur persönliche Erfahrungen, nämlich seine Beziehung zum Tanz und zu seinem Vater, mit den Lebensgeschichten junger Tänzer und Tänzerinnen einer Tessiner Schule. Dieses «Gleichgewicht dazwischen» zu finden, ist eine heikle Aufgabe. Demarchi gibt zu, dass er sein Vorgehen oft hinterfragt. «Inwieweit stehle ich die Geschichten anderer für meine Filme? Auch die Inszenierung meines Burnouts liegt an der Grenze zum Spektakel», erklärt der Regisseur. Um dieser Gefahr vorzubeugen, ist es ihm wichtig, seine Absichten möglichst transparent darzulegen. «Als ich «Osteria all’undici» den Mitwirkenden präsentierte, redete ich von Anfang an Klartext. Ich sagte ihnen, wir würden über die Osteria sprechen, aber vor allem über unsere Befindlichkeit, unsere psychischen Krankheiten, unsere Psychiater und darüber, wie die Gesellschaft uns behandelt». Für Demarchi ist der Schaffensprozess ein Gemeinschaftswerk, sei es mit seinen Figuren oder mit seinem Team. «Als Filippo mich für dieses sehr persönliche und intime Projekt kontaktierte, wurde mir klar, dass er jemanden an seiner Seite brauchte, der ihn gut kennt, einen Freund», erklärt Chef-Kameramann Nikita Merlini. «Dies hat zweifellos dazu geführt, dass wir unser gegenseitiges Vertrauen in kreative Schaffenskraft umwandeln konnten».

Das «wir» steht am Anfang des Prozesses und zieht sich durch alle Schaffensphasen hindurch. Ein gemeinschaftlicher Ansatz, der bei einem Thema wie psychische Gesundheit durchaus als therapeutisch betrachtet werden kann. Diese Ambition bestreitet Demarchi jedoch, zumindest teilweise. Ihm geht es vielmehr darum, über eine einschneidende Erfahrung in seinem Leben zu berichten, als anderen therapeutische Werkzeuge zu vermitteln. Trotz des gemeinschaftlichen Charakters von Demarchis Filmen macht er sie in erster Linie für sich selbst, alles andere wäre unaufrichtig. Gemäss dem Filmemacher ist es einfach, «schwierige Lebensabschnitte zu verbergen und aus dem Lebenslauf zu streichen». Sie als künstlerisches Projekt umzusetzen, verlange gewiss mehr Einsatz und Offenheit, doch es erfülle das grundlegende Bedürfnis, eine Spur zu hinterlassen. Die Erzählstimme, die durch den Dokumentarfilm führt, ist im Übrigen vom Tagebuch inspiriert, das der Regisseur während seiner Genesung führte.

Demarchi plant, seinen Ansatz weiterzuverfolgen und verblasste Erinnerungen aus seinem persönlichen Leben und seiner Familie mit den Geschichten anderer zu verbinden.

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