Zwischen Paradox und Leidenschaft
Teresa Vena und Adrien Kuenzy 22. Mai 2025
«Wer es allen recht machen will, macht es am Ende niemandem recht», das ist ein altes sowie universelles Sprichwort, das auch Walter Ruggle in seiner Position als Cinébulletin-Redaktor (1983-1985), einmal brauchte. Die Schweizer Filmbranche ist offensichtlich so kleinteilig und vielseitig, dass die Interessen der verschiedenen Mitglieder ganz gegenläufig sein können. Sich der «Schwierigkeit, eine Zeitschrift zu leiten, die widersprüchliche Erwartungen erfüllen muss», wie Emmanuel Cuénod (2010-2013) schreibt, bewusst zu sein, kann zu einer «schizophrenen Situation» heranwachsen, wenn man den Spagat zwischen Informations- und Diskussionsplattform versucht, wie es Michael Sennhauser (1993-1996, 1999-2001) erlebte. Und so erstaunt es nicht, dass die Reaktionen der Branche auch heftig ausfallen konnten: «[...] in einer Art wiederkehrendem Ritual (entlud sich) von Zeit zu Zeit der angesammelte Missmut der zerstrittenen Branche in seltener Einhelligkeit über den CB-Redaktoren als idealen Sündenböcken. Entsprechend kurz war im Durchschnitt deren Amtszeit», philosophiert Martin Girod (1988-1993).
So gerne unsere Vorgänger und Vorgängerinnen auf ihre Arbeit zurückblicken, so engagiert wollen wir uns diesem aktuellen Abschnitt der Geschichte der Zeitschrift widmen. Dazu gehört es, auf die Anmerkungen und Wünsche unserer Leserschaft einzugehen. An dieser Stelle danken wir allen, die an unserer Umfrage teilgenommen haben. Viel Unterstützung hat sich darin gespiegelt, aber auch einige kritische Stimmen. Worin sich doch die meisten einig sind, ist, der Wunsch, dass das Cinébulletin weiter Bestand haben soll, als bindendes Glied zwischen den verschiedenen Akteuren des Sektors.
Seit seinen bescheidenen Anfängen hat das Cinébulletin in den letzten 50 Jahren mit 551 Nummern und auf 10’000 Seiten die Höhen und Tiefen des Schweizer Filmschaffens als aufmerksamer Beobachter und zuweilen sogar als Akteur der brancheninternen Debatten begleitet. Die Zeitschrift versuchte zu jeder Zeit, ein Gleichgewicht zwischen Meinungsvielfalt und redaktioneller Kohärenz, den Erwartungen ihrer Leserschaft und den Anforderungen ihrer Förderer zu finden.
Verborgene Lebensläufe ans Licht bringen, die grossen Veränderungen in der Branche dokumentieren, aktuelle Spannungen analysieren: Das Cinébulletin hat sich als lebendes Archiv etabliert, als Raum, wo persönliche Geschichten und gemeinsame Herausforderungen sich verflechten. «Gäbe es diese Plattform nicht, sie müsste geschaffen werden», sagte schon Walter Ruggle und unterstrich, wie wichtig der freie Informations- und Gedankenaustausch innerhalb einer oft fragmentierten Branche ist.
Das Cinébulletin fungierte immer wieder als Referenz. So stützt sich Olivier Moeschler beispielsweise in seiner Abhandlung zur Schweizer Filmpolitik «Der Schweizer Film» (2013) ausführlich darauf. Einmal ist die Zeitschrift auch über die grosse Leinwand geflirrt. In Rolf Lyssys «Teddy Bär» (1983), der sich mit dem Schweizer Filmfördersystem und der Schweizer Filmlandschaft allgemein auseinandersetzt, liest der Protagonist in seinem Büro das Cinébulletin. Noch heute nutzt Lyssy das CB als Informationsquelle, sagt er im Gespräch.
Nun da die Digitalisierung die Karten in Bezug auf Verbreitung und Produktion von Informationen neu mischt, müssen wir unsere Art, zu informieren, neu erfinden, ohne dabei das aufzugeben, was unsere Zeitschrift ausmacht: ein besonderes Augenmerk auf die Schweizer Filmschaffenden, offene Debatten und ein kritisches Gedächtnis der Branche.
In diesem Sinne schlagen wir ein neues Kapitel auf, im Bewusstsein über die Herausforderungen, aber auch getragen von der Überzeugung, dass das Cinébulletin nach wie vor eine wichtige Funktion hat: als roter Faden, der die verschiedenen Generationen, Berufe und Regionen als Zeuge, als Partner und zuweilen als etwas unbequemer Spiegel verbindet.
Teresa Vena und Adrien Kuenzy
Chefredaktion