Man kann es nicht mehr hören, aber auch nicht oft genug wiederholen: «KI hängt von den Daten ab, mit denen sie gefüttert wird». Da der Mensch die Quelle der Daten ist, spiegeln sich darin seine Werte und Weltanschauungen. Es gilt daher nicht nur, kritisch gegenüber den Ergebnissen zu sein, die durch KI-Programme generiert werden, sondern auch aktiv die Qualität der verwendeten Daten zu gestalten.
Reproduktion von Vorurteilen
Das chinesische Konkurrenzprogramm zum US-amerikanischen Chat GPT Deep Seek, das im Januar veröffentlicht wurde, sorgte für Aufregung: «Taiwan ist kein eigenständiges Land» oder «Das Tian’anmen-Massaker von 1989 hat es nicht gegeben», sind zwei der Beispiele für politisch indoktrinierte Resultate, die aufgeführt werden. Erkennen wir aber auch die soziale und politische Voreingenommenheit, die in den anderen Programmen transportiert wird? Die internationale Studie «The Ghost in the Machine has an American accent» von 2022 befragte Chat GPT zum 2019 in Australien erlassenen Waffengesetz. Das Programm hielt es für zu restriktiv und warnte vor einer massiven Einbusse der persönlichen Freiheit und allgemeinen Sicherheit.
Um ähnliche, mehr oder weniger subtile Beispiele ging es auch beim Austausch, zu dem das Frauennetzwerk «Power To Transform» während der Berlinale eingeladen hat. Die Medienwissenschaftlerin Maya Götz zeigte in ihrer Präsentation: Fragt man nach einem «armen kriminellen Mann», erscheint bei über 80 Prozent der Abfragen ein dunkelhäutiger Mann. Möchte man wissen, wie es in einer Profiküche aussieht, erhält man das Bild von dünnen, weissen Männern. Fordert man Chat GPT sowie Midjourney oder Dall E auf, Berufe darzustellen, zeigen sie im Durchschnitt 70 Prozent weisse Männer. Übergewichtige Menschen, dunkelhäutige, nicht-europäide Ethnien und weibliche Personen vernachlässigen die Algorithmen. Sie greifen auf das Gesellschaftsbild zurück, das sie in unseren audiovisuellen Produkten und Wortbeiträgen vorfinden. Wenn Götz die Programme fragt, wie die Hauptfigur in einem Liebesfilm oder in einem Film übers Erwachsenwerden aussehen sollte, erscheint in erster Linie ein weisser beziehungsweise ein junger weisser Mann.
Die Verantwortung des Menschen
Welche Aufgaben fallen uns in dieser Situation zu? Für Götz steht dabei das bewusste Erlernen des Umgangs mit Medien im Vordergrund. Ethikexpertin Dorothea Baur spricht von der Notwendigkeit einer «Alphabetisierung» und ergänzt: «Der Technologie haftet eine Scheinobjektivität an, durch die man sich eine moralische Entlastung erhofft». Das menschliche Urteilsvermögen kann und darf sie nicht ersetzen. Welche Rechte kommen dem zu, der sich gegen die Entscheide einer Maschine wehren will? «Haben wir als Menschen keine Vision einer gerechten, lebenswerten Gesellschaft, kann KI uns auch keine dafür liefern», sagt Baur.
«Man muss lernen, wie man die KI-basierten Programme herausfordert. Wie man ihnen Aufgabenstellungen präsentiert, die Stereotypen hinterfragen», sagte die deutsche Filmemacherin Paulina Bietz. Man darf nicht anderen überlassen, Regeln aufzustellen, man muss sich selbst damit auseinandersetzen. Dafür plädiert auch Christian Ritter, Vize-Dekan an der HSLU, in der schulinternen Publikation «Nummer»: «Wir haben die Chance, eine ‹Kultur des digitalen Wissens› zu fördern», und Jacqueline Holzer, Direktorin des Departements Design, Film, Kunst, ergänzt: «Für die gesellschaftliche Transformation, die sich anbahnt, müssen wir die Studierenden so vorbereiten, dass sie fähig sind, eine sichere Haltung zu entwickeln, sodass sie nicht nur die neuen Technologien und ihre Algorithmen erfassen, sondern auch die Effekte und Konsequenzen der künstlichen Intelligenz für die Gesellschaft verstehen. Dazu braucht es eine soziale Kohäsion, ethisches, ökonomisches und rechtliches Wissen».
Bisher ist KI-Technologie keineswegs, wie einige positiv hervorheben wollen, «demokratisierend». Anders als eine «Selbstgesetzgebung» entspricht sie einer «Fremdgesetzgebung» aus den Händen einiger weniger, wie Dorothea Baur betont. Sich dafür einzusetzen, dass sie vielen zugänglich gemacht wird, ist ein Weg, sie als Gesellschaft gemeinsam gestalten zu können. Diese Aufgaben stellen sich auch den Filmschaffenden – und sie sind genauso aufgerufen, Verantwortung zu tragen.