Welche sind die wichtigsten Herausforderungen, die Ihnen seit Ihrem Amtsantritt begegnet sind?
Nadine Adler Spiegel (NAS): Für mich ist natürlich vieles neu. Die grösste Herausforderung ist sicher, die Bundesverwaltung kennenzulernen und die Kommunikation auf allen Ebenen aufrecht zu halten: Zwischen Laurent und mir, zwischen der Sektion Film und dem Bundesamt sowie den Austausch mit der Branche zu pflegen. Es ist eine Herausforderung, dies alles auf eine Reihe zu bringen, aber ich freue mich, dieses Abenteuer gemeinsam mit Laurent anzugehen. Ich meine, der Start ist uns bereits gut gelungen.
Laurent Steiert (LS): Für mich besteht die Herausforderung und Motivation darin, in einer gänzlich neuen Konstellation zusammenzuarbeiten und in dieser Ko-Leitung eine gemeinsame Vision zu entwickeln. Ich halte es für wichtig, neue Ansätze und Methoden zu verfolgen. Ich schätze eine solche Ko-Leitung darum als ideales Gefäss ein, weil man für eine gemeinsame Haltung sich gegenseitig und die Branche überzeugen muss.
War die Verteilung der Rollen von Anfang an klar?
NAS: Wir haben uns Zuständigkeiten für bestimmte Dienste übertragen. Bei der Rollenverteilung haben wir darauf geachtet, dass wir die Bereiche verantworten können, bei denen wir unsere Stärken ausspielen können. Wir sind aber auch offen dafür, dies nach Bedarf noch anzupassen. Darüber hinaus teilen wir uns die Aufgaben in der Geschäftsleitung und verantworten gemeinsam die politische Strategie. Für die Strategie ist es wichtig, dass wir uns einig sind. Nur so können wir auch etwas erreichen.
LS: Was die Aufgabenbereiche und Rollen angeht, kennt sich Nadine vor dem Hintergrund ihrer Arbeit beim Migros-Kulturprozent mit der Entwicklung von neuen Förderinstrumenten aus und wird sich weiterhin stark in diesen Bereichen engagieren. Was mich betrifft, habe ich an der Erarbeitung des neuen Filmgesetzes mitgewirkt und war neben dem Aufbau unseres internationalen Netzwerks früher für die Bereiche Vertrieb und Kinosäle verantwortlich. Ich werde mich weiter darum kümmern sowie verstärkt um internationale Themen, auch wenn Nadine hier ebenfalls involviert sein wird.
Welches Pensum haben Ihre beiden Stellen?
LS: Die Ko-Leitung bestreiten wir gemeinsam zu 160 Prozent.
Ivo Kummer stand teilweise stark unter Beschuss. Das ist für diese Position auch kaum anders zu denken. Wie wollen Sie damit umgehen?
NAS: Uns ist es wichtig, als Einheit aufzutreten. Im Moment sind wir gerade mit einer Flut von Gesuchen konfrontiert, und zwar vor allem in der selektiven Förderung. Dementsprechend müssen wir auch besonders viele Absagen erteilen. Sicher ist, dass viele Menschen deswegen nicht so zufrieden sind. Wir werden diesbezüglich aktiv werden müssen. Ein Weg wird es sein, die Arbeit der Kommissionen genauer anzuschauen und dort gut nachvollziehbare Elemente einzubauen.
LS: Kritik gehört in dieser Stellung dazu und auch der Umgang damit. Die Unzufriedenheit bekommt man gerade bei negativen Entscheiden notgedrungen schneller mit. Wichtig ist aber, dass man klar und nachvollziehbar kommunizieren kann, wieso man etwas entschieden hat. Dies ist ein immer wieder gehörter Kritikpunkt, der seit vielen Jahren besteht, nämlich dass die Begründungen der selektiven Förderentscheide zwar rechtlich einwandfrei, aber für Antragsteller oder Produktionsfirmen zu wenig nachvollziehbar sind. Mit dem grossen Anstieg der Fördergesuche in den letzten Jahren, und das nicht nur beim BAK, sondern bei allen Filmförderungsinstitutionen, wird dieser Druck sicherlich nicht abnehmen. Bei rund tausend Gesuchen pro Jahr sind einer umfangreicheren Begründung allerdings auch gewisse Grenzen gesetzt.
Welche anderen Prioritäten setzen Sie in den nächsten Monaten?
NAS: Wir werden in Locarno die Resultate der von der Berliner Firma Goldmedia durchgeführten Studie «Öffentliche Filmförderung im Wandel» präsentieren. Im Anschluss an die Präsentation werden wir uns gemeinsam mit der Branche mit den Resultaten auseinandersetzen und über mögliche Stossrichtungen diskutieren. In der Folge wird es um die Massnahmen gehen, die wir aus den Ergebnissen der Studie ableiten. Die Vorstellung der Studie ist sozusagen der Anfangspunkt für einen offenen Dialog mit der Branche.
LS: Gleichzeitig werden wir uns an die Ausarbeitung der neuen Filmförderkonzepte für 2026 bis 2028 machen. Dabei wird auch die in der Kulturbotschaft erwähnte Inlandpromotion, die Swiss Films in einer Pilotphase ab 2025 umsetzen wird, eine wichtige Rolle spielen.
In welche Richtung werden die Entwicklungen gehen?
NAS: Was wir sicher sagen können, ist, dass wir uns dafür stark machen, dass wir wegkommen von einer Filmpolitik und mehr auf eine globale Audiovisionspolitik abzielen. Film findet nicht nur auf der Leinwand statt, sondern existiert auch in Form anderer Erzählformate. Das bedeutet nicht zwingend, dass das BAK alle diese Formate unterstützt. Wir setzen uns dafür ein, dass die Förderung nicht verzettelt ist, sondern wir mit anderen Förderern zusammenspannen und zu einer Art «alliance audiovisuelle suisse» finden, die gemeinsame Lösung ermöglicht.
LS: Einerseits hat die Schweiz mit der Investitionspflicht für Plattformen und Fernsehdienste neue finanzielle Rahmenbedingungen erhalten, um unser Filmschaffen – gerade im Bereich von Serien – noch besser finanzieren zu können. Damit wir uns angesichts dieser neuen Rahmenbedingungen durch die Investitionspflicht zwischen den regionalen Filmförderern, dem BAK und der SRG nicht verzetteln, wird eine Koordination der Förderstellen nötig sein. Wir wollen ein besseres Verständnis für die Bedürfnisse des Einzelnen entwickeln und uns effizienter ergänzen.
Wie steht es um die bereits angesprochene Promotion des Schweizer Films in der Schweiz, und gibt es in der Branche Vorbehalte, diese Aufgabe an Swiss Films zu übertragen?
NAS: Swiss Films wird federführend sein bei der Ausführung des neuen Auftrags, aber immer im engen Austausch mit dem BAK und mit der Branche. Für uns ergibt es auf jeden Fall Sinn, dass sich Swiss Films mit ihren Promotionsfachkräften dieser Aufgabe annimmt.
LS: Ein grundlegendes Ziel ist sicher, die Sichtbarkeit des Schweizer Films in der Schweiz zu erhöhen. Es gibt verschiedene Wege, dies zu erreichen, aber es wird weder reine Promotion noch die Förderung jedes einzelnen Projekts sein. Für die Sichtbarkeit braucht es auch immer die entsprechenden Filme.
NAS: Die Inlandpromotion ist ein Anfang. Das Thema «Auswertung» wird uns in Zusammenhang mit unserer langfristigen Vision für die selektive Filmförderung noch weiter beschäftigen. Über die Auswertung muss bereits bei der Entwicklung eines Projektes nachgedacht werden – ohne deswegen nur marktorientierte und publikumsorientierte Filme zu fördern, aber eben auch solche.
Wie ermitteln Sie in Ihrer Rolle die Erwartungen des Schweizer Publikums und welche Strategien empfehlen Sie, um diese zu erfüllen?
NAS: Gerade in der Schweiz ist es eine Herausforderung, weil wir in vier verschiedenen Landessprachen kommunizieren. Es ist aber auch wichtig, auf Modelle im Ausland zu schauen, denn alle, die narrative Formate produzieren, stehen vor derselben Herausforderung: Die Sehgewohnheiten des Publikums haben sich verändert.
LS: Was zählt, ist der Film, die Erzählung, die Geschichte, unabhängig davon, ob sie für ein breites oder ein kleines Publikum bestimmt ist. Heute gibt es Produktionen für ein breites Publikum und für die kulturellen Nischen. Dank Streaming und Internet kann ein Film mit ungewöhnlicher Thematik international ein Vielfaches an Menschen erreichen. Es geht also darum, den Film in der Schweiz zu fördern, aber für alle Auswertungskanäle mitzudenken.
NAS: Vielleicht ist es auch an der Zeit, Mut zum Genre zu haben. Es gibt in der Schweiz nicht wirklich ein Genrebewusstsein. Und das ist sicher auch ein Mittel, um an verschiedenen Zielpublika heranzukommen.
Was möchten Sie der Branche noch mitgeben?
LS: Wir stehen für gute Rahmenbedingungen ein und sehen uns in diesem Sinne auch als Dienstleister für den Schweizer Film. Es sind die Filmschaffenden, welche die Filme gestalten.
NAS: Wir können der Branche versprechen, dassy wir alles dafür tun, sie zu befähigen, ihre Arbeit tun zu können.