Philippe Dériaz: Der beständige Lernende nimmt Abschied
© Christine Dériaz

Philippe Dériaz: Der beständige Lernende nimmt Abschied

Christine Dériaz 30. März 2025

Mit Philippe Dériaz ist eine der versatilsten und loyalsten Figuren des Schweizer Filmschaffens verstorben. Regisseur, Aufnahmeleiter, Kameraassistent, Beleuchter und zuletzt Filmkritiker sind einige seiner beruflichen Betätigungsfelder gewesen. Schnittmeisterin, Autorin und Filmkritikerin Christine Dériaz nimmt mit diesem Nachruf Abschied von ihrem Vater.

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Er hat sich selbst als Urgestein des Schweizer Films bezeichnet, als Zeitzeuge in Sachen Schweizer Filmschaffen. Dabei war der Weg zum Film, zur Kunst, alles andere als vorgezeichnet.

Zunächst folgt er der Familientradition und studiert an der ETH in Zürich. In Kinos und im Filmclub wird sein Weg umgelenkt. Er verliebt sich ins Kino. Nicht in die Filme, die Geschichten als solche, sondern in die Möglichkeiten, die der Film dem Geschichtenerzählen bietet. Er schaut, er analysiert, er denkt nach.

Das will er auch probieren. Damals, wie heute auch, ist ein Weg zum Film über Hilfs- und Assistenzarbeiten möglich.

Es sind die späten 1950er Jahre, in denen Praesens, Condor oder Unitas Film produzieren. Philippe Dériaz arbeitet als Beleuchter, Kameraassistent, als Setaufnahmeleiter, manchmal als alles gleichzeitig. Er will lernen und lernt auch, dass die Hierarchie in der Filmwirtschaft streng und steil senkrecht verläuft, und weder eine Garantie bietet, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, noch die Sicherheit, Karriere zu machen.

Aus dieser Zeit hat er immer wieder erzählt, hat seine Drehbücher, seine Notizen aufbewahrt, hat den Schweizer Film geliebt und daran gelitten. Karriere als Regisseur macht er letztlich in Deutschland, weniger im Spiel- als im Wirtschafts- und Industriefilm. Aber diese Abteilung der Filmindustrie kommt vielleicht Dériaz' beobachtendem und analytischem Filmdenken am meisten entgegen, vereint den Ingenieur und den Künstler.

30 Jahre nach seinen Filmanfängen habe ich meine Anfänge im Schneidraum gehabt. Wir haben zu der Zeit einige Male zusammen gearbeitet. Eine Arbeitsbeziehung jenseits und unabhängig von der Vater-Tochter-Beziehung, in der Austausch von Wissen auf gleichberechtigter Ebene stattfinden konnte. Weil er immer bereit war, auch zuzuhören und zu lernen.

1996 haben wir nach einer vagen Idee, die er in den Raum geworfen hat, unseren experimentellen Dokumentarfilm «Underground Architecture» gemacht, der in München auf dem Dokumentarfilmfestival gezeigt wurde.

Philippe Dériaz war immer bereit zu erzählen, Erfahrungen zu teilen, Wissen weiterzugeben und so verwundert es nicht, dass er schliesslich auch zum Schreiben über Film fand. Auch hier konnte er schauen, analysieren, nachdenken, und – ganz wichtig – den Schweizer Film in deutschen Fachmagazinen bekannt machen. Denn seine Filmliebe, so offen für Neues er war, hatte auch immer diese eine patriotische Seite.

Urgestein erfasst Philippe Dériaz Wesen und Wirken nicht wirklich, das Bild ist zu starr, zu unflexibel für einen beständig Lernenden.

Phillippe Dériaz - 1930-2025

Weissweinsuppe

Phillipe Dériaz habe ich erst spät in seinem Leben kennengelernt. In Solothurn beim Frühstück, bevor der Festivaltag beginnen sollte. Wir haben ausgemacht, dass er mich zu Mittag in die örtliche Spezialität einführen würde. Durch ihn habe ich also die berühmte Solothurner Weissweinsuppe kennengelernt. Es vergeht seitdem kein Festival, an dem ich diese nicht mindestens einmal essen gehe - im Roten Turm.

Es wird für immer auch eine meiner markantesten Erinnerungen bleiben, an diesen Mann, dessen über 90 Jahre Lebenserfahrung ein reicher Schatz waren. Sein Geist war voller Scharfsinn und sein Wesen geprägt von einer tiefen Leidenschaft für den Film und den Schweizer Film im Besonderen. Wie seine Tochter Christine es bezeugt, war er ein sehr grosszügiger Mensch, der sein Wissen gerne teilte.

Er war eine der ersten Personen, die mir gratulierte, also ich neu zum Cinébulletin hinzukam. Er freute sich, dass der Auftragsfilm in der Folge seinen Platz in der Zeitschrift wiederfand. Mehrere Arikel aus seiner Feder schickte er mir, die ich als wichtige Referenz aufbewahre. Zuletzt erhielt ich einen Brief, auf den ich nur sehr spät antwortete - das war unser letzter Kontakt. Schade, dass die Umschläge, auf denen mit krakeliger Schrift notierte Adresse nicht mehr kommen werden.

Teresa Vena

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