Fantastereien rund um KI und Experimente bei SRF
Baptiste Planche © SRF / Isalena Sutter

Fantastereien rund um KI und Experimente bei SRF

Adrien Kuenzy 20. März 2025

Das Schweizer Radio und Fernsehen zeigte sich experimentierfreudig und versuchte, das Pilot-Drehbuch einer TV-Serie («Dräck») mithilfe von künstlicher Intelligenz zu entwickeln – mit durchwachsenem Erfolg.

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Künstliche Intelligenz mischt sich mehr und mehr in kreative Prozesse ein, auch im audiovisuellen Sektor. In technischen Bereichen wie Postproduktion oder automatische Übersetzung hat sie sich bereits durchgesetzt, doch beim Drehbuchschreiben bleibt ihre Rolle umstritten. Kann sie wirklich überzeugende Geschichten erfinden, oder stellt sie nur altbekannte Motive neu zusammen?

In der Film- und Serienproduktion wird KI oft als Mittel zur Vereinfachung und Beschleunigung angepriesen. Hinter dieser verführerischen Fassade befürchten viele Drehbuchautoren und -autorinnen jedoch eine Automatisierung, welche die Einzigartigkeit der Werke zerstört. Andere sehen darin lediglich eine technologische Entwicklung, wie die Digitalisierung der Montage oder der Spezialeffekte.

Ist KI also eine Bedrohung für die Kreativität oder nur ein unterstützendes Instrument? Die Frage ist auch in Anbetracht ihrer wirtschaftlichen Tragweite sehr wichtig. Eine aktuelle Studie der Confédération internationale des sociétés d’auteurs et compositeurs (CISAC) warnt vor den potenziellen finanziellen Auswirkungen von KI auf Kunstschaffende. Gemäss Hochrechnungen drohen die Einkünfte der audiovisuellen Branche bis 2028 um 21 Prozent zu sinken, was einem geschätzten Verlust von 12 Milliarden Euro entspricht. Diese Zahl verstärkt die Befürchtungen in einer Branche, wo die Prekarität der künstlerischen Berufe heute schon ein grosses Problem darstellt.

Das Experiment «Dräck»

Angesichts dieser Unsicherheiten wählen gewisse Akteure und Akteurinnen der Branche einen pragmatischen Ansatz. Die Abteilung Fiktion des Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) entschied sich für ein Experiment unter realen Bedingungen: ein Projekt, das von der Drehbuchphase an auf KI-Unterstützung setzt. Im Januar 2024 gab SRF in Solothurn im Rahmen einer von Cinébulletin moderierten Podiumsdiskussion zum Thema KI die geplante Produktion einer Mini-Serie bekannt, die vom Drehbuch bis zur Postproduktion auf bestehende KI-Werkzeuge zurückgreifen sollte.

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Benjamin Magnin © SRF / Isalena Sutter

«Dräck» hätte eine Krimiserie mit vier Folgen zu je 25 bis 30 Minuten werden sollen. Im Sommer 2023 wurde ein erster «Writers’ Room» geschaffen, der in allen Entwicklungsstadien mit KI experimentierte. Nach einem Jahr wurde das Experiment «Dräck» schliesslich noch im Drehbuchstadium eingestellt. Benjamin Magnin, verantwortlicher Redaktor Fiktion bei SRF und einer der Projektleiter, stellt klar, dass «das Ziel nie war, Drehbuchautoren oder -autorinnen zu ersetzen, sondern die Stärken und Schwächen dieser neuen Werkzeuge zu verstehen». So testete der «Writers’ Room» diverse Modelle, insbesondere ChatGPT und Claude von Anthropic, und benützte sogar einen personalisierten Assistenten namens «Dräck Plot Weaver». Baptiste Planche, Leiter Fiktion bei SRF, betont: «KI ist ein Hilfsmittel, sie bietet aber keine kreativen Fähigkeiten. Das Ergebnis war schlussendlich nicht überzeugend genug, um in die Produktion zu gehen. Das kann bei jedem Projekt passieren».

Obschon KI hilfreich ist, um Ideen zu generieren, blieb ihr Nutzen begrenzt: Die Vorschläge waren oft stereotyp und für den Schweizer Markt ungeeignet. «Gibt man einer KI den Auftrag, eine Krimiserie in der Schweiz zu schreiben, so produziert sie sofort Klischees über Schokolade, Berge oder Skifahren. Man erhält eine Sicht von aussen auf die Schweiz, nicht die Perspektive, die wir erzählen wollen», so Magnin weiter.

Zukunft unter Kontrolle

Ein SRF-interner Bericht brachte weitere Schwachstellen des Unterfangens ans Licht. So fiel es der KI schwer, eine originelle Handlung flüssig aufzubauen, sie setzte vielmehr auf schematische und oftmals vorhersehbare Konstrukte. Den Dialogen fehlte es an Natürlichkeit, sie mussten praktisch vollständig umgeschrieben werden.

Ein weiteres Problem war der Umgang mit dramatischen Konflikten. Da KI darauf trainiert ist, polemische Formulierungen zu vermeiden, neigte sie dazu, narrative Spannungen aufzulösen, anstatt sie zu verstärken. Gemäss Planche steht diese Tendenz, neutrale Inhalt zu produzieren, im Widerspruch zu den dramaturgischen Anforderungen. «KI funktioniert aufgrund von statistischen Modellen. Sie generiert das, was am wahrscheinlichsten ist, doch in der Fiktion suchen wir gerade nach dem Unerwarteten», betont er.

“Wir sind neuen Technologien gegenüber offen, suchen aber nicht aktiv nach Projekten, bei denen KI eine zentrale Rolle spielt”
Baptiste Planche

Zudem erwies sich der erste Eindruck, KI beschleunige den Schreibprozess, indem sie zahlreiche Ideen hervorbringt, als weitgehend illusorisch. Magnin bestätigt dieses Paradox: «Der Zeitaufwand wird dadurch nicht unbedingt geringer, sondern verschiebt sich einfach. Man verbringt weniger Zeit mit Ideensammeln, dafür aber mehr mit Aussortieren und Umschreiben». Er ist überzeugt, dass KI trotz aller Fortschritte die Drehbuchautoren und -autorinnen nicht wird ersetzen können. «Mit KI zu schreiben, gleicht eher einer Kuration. Man pickt die Vorschläge heraus, die einem gefallen und verfeinert sie», so Magnin.

Welche Zukunft hat KI also bei SRF Fiktion? «Wir sind neuen Technologien gegenüber offen, suchen aber nicht aktiv nach Projekten, bei denen KI eine zentrale Rolle spielt», erklärt Planche. Die Experimente gehen dennoch weiter, insbesondere in der Postproduktion, wo KI zurzeit am effizientesten eingesetzt werden kann. «Mindblow» zum Beispiel, ein weiteres SRF-Projekt, wandte erfolgreich Deepfake-Technologien an, um gewisse visuelle Elemente zu verändern.

«Menschliche Kreativität bleibt unersetzlich», bekräftigt Planche. «KI-generierte Kreationen vermögen in Bezug auf Originalität und Authentizität nicht zu überzeugen oder gar zu begeistern.» Zumindest nicht im Moment.

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