Sollte die Schweiz ihre eigene KI entwickeln?
Ja, weil KI eine Frage der Souveränität ist. Wird sie von den USA oder China kontrolliert, so bestimmen diese die Regeln. Die Schweiz besitzt anerkanntes Fachwissen – Google betreibt sein grösstes KI-Forschungszentrum in Zürich – doch wir sind noch zu fragmentiert. Wenn wir nichts unternehmen, werden wir von ausländischen Technologien abhängig, die nicht unsere Werte widerspiegeln.
Kann eine schweizerische oder europäische KI mit OpenAI oder Google konkurrieren?
So riesige Modelle wie die US-amerikanischen oder chinesischen zu erschaffen, ist zumindest derzeit nicht möglich. Diese Länder investieren Milliarden und verfügen über eine immense Rechenleistung: Ganz Europa zusammen bringt es auf nur 5 Prozent der US-amerikanischen Leistung. Die Schweiz muss diese Modelle nicht kopieren, ihre Stärke liegt anderswo. Anstatt von Grund auf neu anzufangen, müssen wir uns auf gezielte Anwendungen und die Optimierung von Open-Source-Modellen konzentrieren. Das tun wir mit SwissGPT, indem wir diese Modelle an die Bedürfnisse spezifischer Branchen anpassen, die realen Mehrwert für Endnutzer und -nutzerinnen schaffen.
Europa versucht, mit Open Euro LLM ein souveränes Modell zu erschaffen. Sollte die Schweiz sich daran beteiligen?
Wie gesagt befindet sich Europa auf dem Holzweg, wenn es mit den US-amerikanischen und chinesischen KI-Riesen konkurrieren will. Für ein solches Projekt fehlt es an Ressourcen und Einigkeit. Das wäre, wie wenn man Google Maps neu erschaffen wollte: nutzlos. OpenAI hat das weltweite Wissen bereits kartographiert. Anstatt etwas komplett Neues zu kreieren, sollte man besser die bestehenden Modelle anpassen und optimieren.
Wie könnte sich technologische Souveränität auf die Schweizer Filmbranche auswirken?
Der Film ist ein Spezialfall, da Datensouveränität keine zentrale Rolle spielt. Im Gegensatz zum Gesundheits- oder Regierungssektor geht es hier nicht um sensible Daten. Das bedeutet, dass Schweizer Filmschaffende theoretisch die besten Instrumente auf dem Markt nutzen können, egal ob sie aus den USA, China oder Europa stammen. Wichtig ist weniger die Herkunft der KI, sondern was man damit macht. Die Schweiz kann sich abheben, indem sie KI intelligent in spezifische kreative Prozesse einbindet.
Denken Sie, KI wird die menschliche Kreativität ersetzen?
Nicht ersetzen, sondern übertreffen. Kreativität basiert darauf, bestehende Elemente neu zu kombinieren. Drehbuchautoren oder -autorinnen schöpfen aus ihrem Fundus, während eine KI tausende von Filmen analysieren und neue Ideen vorschlagen kann. Wir haben ein Experiment gemacht: Fünf Personen mussten einen Weg finden, um eine an der Decke hängende Banane herunterzuholen. In 30 Minuten fanden sie ein Dutzend kreative Lösungen. Die KI generierte in wenigen Sekunden 300 Lösungen, die zum Teil viel ausgeklügelter waren. Ich denke, dass im Film der gleiche Wandel stattfinden wird: Filmschaffende, die mit KI arbeiten, werden im Vorteil sein, denn sie verfügen über eine leistungsstarke Maschinerie, welche die Kreativität beherrscht.
Derzeit wird debattiert, wie man Schauspielende vor dem unerlaubten Gebrauch ihrer Bilder oder Stimme durch KI schützen kann. Müsste die Schweiz solche Praktiken auch regulieren?
Das ist ein wichtiges Thema. Ohne rechtlichen Rahmen öffnet KI jeglicher Art von Missbrauch Tür und Tor. In der Schweiz haben wir die nötigen Ressourcen, um eine besser regulierte KI zu schaffen. Bei SwissGPT arbeiten wir direkt mit den Unternehmen und Institutionen, um einen verantwortungsvollen Einsatz sicherzustellen. Wird eine KI für den allgemeinen Gebrauch entwickelt, so ist es praktisch unmöglich, die Auswüchse zu kontrollieren.
Was fehlt der Schweiz, um sich im KI-Sektor durchzusetzen?
Zusammenarbeit. Unsere Forschungszentren sind ausgezeichnet, doch sie funktionieren zu oft als geschlossenes System. Selbst Initiativen wie Swiss AI vernetzen Institutionen, aber nicht die Forschenden selbst. Humanoide Robotik ist ein Gebiet, in dem die Schweiz sich hervortun könnte. Wir haben grosse Erfahrung im Ingenieurswesen und in der Präzisionsmechanik sowie Fachwissen in KI und intelligenten Sensoren. Wenn wir diese Synergien nutzen, könnten wir führend in der Entwicklung von intelligenten Robotern werden, anstatt zu versuchen, mit den gigantischen Sprachmodellen zu konkurrieren.