Und jetzt die Fiktion

Und jetzt die Fiktion

16. Mai 2018

Nun da in Nyon Visions du Réel beginnt, wo sich die Crème
des Dokumentarfilmschaffens versammelt, spricht alles
von der Fiktion.

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Nun da in Nyon Visions du Réel beginnt, wo sich die Crème
des Dokumentarfilmschaffens versammelt, spricht alles
von der Fiktion. Gilles Marchand hat im Lauf der Kampagne
mehrmals wiederholt, sobald von Sparübungen die Rede
war: der Fiktion solle der Löwenanteil der Investitionen
des nationalen Fernsehens zukommen. Zumindest wurde
klar gemacht, dass man ihr mehr Gewicht geben will.

Der Spielfilm ist aber in mancher Hinsicht der ungeliebte Bruder in der Schweizer Produktion. Er sieht sich,
im Vergleich zum dynamischen und flexiblen Ökosystem
des Dokumentarfilms mit dessen unkomplizierten Produktionsmethoden, ständig mit seinen Beschränkungen konfrontiert. Zu wenig Drehbuchautoren und diese zu wenig
ausgebildet; ein gespanntes Verhältnis zwischen Regie
und Produktion; zu wenig Mittel; zu wenig Schauspieler
– die Liste der Klagen ist lang. Dennoch verbessert sich
bei den Serien Jahr um Jahr die Qualität und ihre Reso-
nanz bei der Kritik, mit jeder Produktion entfernen sie sich
deutlicher von den theatralischen Sitcoms und nähern sich
europäischen Standards.

Seit Jahren hat die RTS auf den Dokumentarfilm fokussiert, zumal dank dem unermüdlichen Engagement von
Irène Challand; die SRG wiederum hat die Serien in den
2000er-Jahren eher vernachlässigt. Doch mit der neuen
Absichtserklärung der Direktion und der kürzlich erfolgten
Ausstrahlung von «Wilder», «Anomalia» oder «Quartier des
Banques» beginnt die Fiktion an Respekt zu gewinnen.

Angesichts allgemeiner Finanzierungsschwierigkeiten
ist es ermutigend, dass die SRG als einer der wichtigsten
Unterstützer des Schweizer Films sein Engagement verstärken will. Bleibt abzuwarten, ob das in der Kampagne
Versprochene eingelöst wird und auf wessen Kosten
gespart werden soll. Schweizer Dokumentarfilme werden
vom Publikum und den Programmgestaltern gleichermassen geschätzt, und man wird darüber wachen müssen,
dass nicht ein neues Loch aufgerissen wird, um ein altes zu
stopfen. Das Podiumgespräch, das Visions du Réel zusammen mit Cinébulletin durchführt, bietet eine schöne Gelegenheit, Gilles Marchand dazu Fragen zu stellen.

Der erste Jahrgang unter der neuen Leiterin Emilie
Bujès bietet sich an für Diskussionen, denn es gibt hier viel
über den Dokumentarfilm zu erfahren. Hier stechen jene
hervor, die nicht nur mutig Themen anpacken, sondern
dies mit originellen Formen tun, oft an der Grenze zwischen Spiel- und Dokumentarfilm. Das könnte auch eine
Lektion sein für die Serien: Statt den Mythen des Landes
könnten sie sich noch mehr der Gegenwart zuwenden,
sich noch mehr vom wirklichen Leben inspirieren lassen.
So wie das in den vier Fernsehfilmen der Reihe «Onde de
choc» geschehen ist. Die Kommunikation zwischen den
Gattungen ist keine Einbahnstrasse.

Pascaline Sordet

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