Donnerstagabend: Das Telefon meldet sich und leuchtet
auf dem Nachttisch.
Der Rohstoff im System
16. Mai 2018
Donnerstagabend: Das Telefon meldet sich und leuchtet
auf dem Nachttisch. Diane schreibt: «Bin an einem Studentenfest, brauche maximal viele Namen von Youtubern in
Rekordzeit ... XD.» Die Smilies hüpfen und wissen, dass sie
ahnungslos ist. Denn sie ist, wie ich, wie die meisten unter
Ihnen, in einer Welt geboren, wo es weder Youtube noch
Vimeo, iTunes oder Netflix gab. Die Filmkritiker sagten uns,
ob zu Recht oder nicht, ob ein Film die Mühe wert war, ihn im
Kino anzuschauen.
Gewiss: Diese Welt gibt es noch, doch ist sie nicht mehr
das einzige Wertsystem. Die Branche durchlebt, wie zuvor
schon die Musikindustrie, gerade einen radikalen Wandel,
wie audiovisuelle Inhalte vertrieben und konsumiert werden. Es gilt nicht, die Vor- und Nachteile der beiden Welten
zu diskutieren – vielmehr einen Standpunkt zu finden. Ist es
ein Erdrutsch? Eine Überschwemmung? Eine kopernikanische Wende? Ein rettender Halm? Das Ziel der Wünsche?
Einen Film per Video-on-Demand zu verbreiten im
unüberschaubaren Getümmel des Internets, heisst darauf
setzen, dass er für jedermann zugänglich ist, aber ohne
Gewähr, dass sich die Investition auch lohnt.
In den vergangenen Jahren hat sich die Anzahl Plattformen vervielfacht, das Angebot ist überbordend; umso
grösser die Gefahr, übersehen zu werden. Dabei gibt es die
Chance, ein neues Publikum zu gewinnen; ein wirtschaftlicher Aspekt. Aber auch die Möglichkeit, die Schätze des
nationalen Filmerbes, die ausserhalb punktueller Retrospektiven unzugänglich sind, sichtbar zu machen. Das wäre
der kulturelle Aspekt.
Unsere Recherche zeigt: Die Erfahrungen von Schweizern
mit internationalen Streaming-Plattformen überzeugen
noch nicht ganz. Es zeigt sich aber auch, dass man im Netz
ein Publikum finden kann, sofern man sich für den richtigen
Zeitpunkt, die richtige Strategie, das richtige Marketing und
fürs richtige Portal entschieden hat. Nur wenige Produkti-
onsfirmen haben ihren ganzen Katalog digitalisieren lassen
und bieten diesen online an – dabei wäre dies ein Zwischen-
schritt auf dem Weg zu einer nationalen Plattform.
Wie bei jedem Paradigmenwechsel eilt die Technik den
Rahmenbedingungen voraus. Wer mithalten will, muss die
zentrale Herausforderung akzeptieren: das Problem der Entschädigung. Bei den Beispielen, die wir zusammengestellt
haben, gibt es grosse Unterschiede von einer Plattform zur
anderen, und die maximale Präsenz führt nicht automatisch
zu angemessenen Rückflüssen.
Auch wenn man die neuen Möglichkeiten, die uns die
technischen Entwicklungen bescheren, zu schätzen weiss:
Dass die ganze Logik der Filmwirtschaft über den Haufen
geworfen wird, darf nicht zum Schaden derer geschehen, die
die Filme kreieren und deren Arbeit der Rohstoff des ganzen
Systems ist. Die andere grosse Unbekannte ist der urheber-
rechtliche Aspekt; er wird in der nächsten Ausgabe von Ciné-
bulletin Ende November Thema eines weiteren Beitrags sein.
Pascaline Sordet