Was ist der Unterschied zwischen der Arbeit einer Casting-Direktorin und einer Schauspieler-Agentin?
Es gibt einen grundsätzlichen Unterschied. Als Casterin arbeite ich im Auftrag der Produktion und werde nach Aufwand bezahlt. Als Casterin haben wir nichts mit der Gage der Schauspieler und Schauspielerinnen zu tun. Das wäre ein Interessenskonflikt. Hätte ich Personen unter Vertrag und bekäme ich eine Provision von ihnen auf ihre Gage, würde ich den Produktionen tendenziell diese Personen vorschlagen. Das wäre kein seriöses Casting. Wir sind daher keine Agentur, sondern ein Casting-Büro. Wir führen eine interne Datenbank, die wir als Arbeitsinstrument nutzen, für die Recherche und um die Vorschlagslisten zusammenzustellen. Diese interne Datenbank ist mit den verschiedenen Agenturen und Schauspielplattformen der jeweiligen Personen verbunden, wo letztere ihre Dokumentation hinterlegen.
Wie gross ist Konkurrenz in der Schweiz unter Casting-Büros?
Sehr klein. Im deutschsprachigen Raum sind wir innerhalb von Glaus & Gut Casting zu dritt, sowie ein, zwei weitere frei arbeitende Casterinnen. In der Romandie ist der Beruf weniger etabliert, die Produktionen greifen auf Kollegen und Kolleginnen aus Frankreich zurück und arbeiten mit der Plattform Comedien.ch. Die kleine Konkurrenz in der Schweiz hat verschiedene Gründe. Zum einen liegt es daran, dass sich der Beruf in der heutigen professionellen Form an sich erst in den letzten 20 bis 30 Jahren etabliert hat. Zum anderen ist der Markt zu klein, als dass mehrere Personen davon leben könnten.
Können Produktionen auch ohne diese Position auskommen?
Im Prinzip, ja. Im Grunde kann eine Produktion auch auf eine professionelle Maske oder Ausstattung oder andere Gewerke verzichten. Casting-Direktorin ist einer dieser Berufe, für die es keine klassische Ausbildung gibt, kein Diplom, der Beruf wird über Assistenz von erfahrenen Casterinnen gelernt. Es ist einer dieser Berufe, die zwar in aller Munde sind, aber viele nicht wirklich wissen, welche Anforderungen der Beruf effektiv beinhaltet und welche Arbeit dabei geleistet wird. Dadurch entsteht der Trugschluss, die Casting-Arbeit könne auch ohne fundiertes Wissen und Können erbracht werden. Ich habe mich immer dafür eingesetzt, den Beruf in der Schweiz weiter zu professionalisieren. Die Besetzungsarbeit ist zum grossen Teil ein kreativer Prozess. Sie findet in der Übergangsphase des abgeschlossenen Drehbuchs und dem Drehbeginn statt. Zusammen mit Regie und Schauspielerinnen werden Figuren und Dramaturgie teilweise angepasst, vertieft – sie bekommen ihre letzten Nuancen.
Wie gross ist Ihr Einfluss in so einem Prozess?
Der Einfluss auf den kreativen Prozess hängt vom Projekt ab. Als Casting-Direktorin sind wir eine Art künstlerischer Dienstleister an die Regie, entsprechend den Chefs der anderen «Departments». Nebst den Kenntnissen der Schauspieler und Schauspielerinnen ist meine Hauptfunktion, die Regie zu verstehen, jede Regie hat eine eigene Handschrift, eine eigene Vision. Entsprechend stelle ich der Regie die Vorschläge zusammen. Das bedingt eine enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit der Regie.
Sie unterrichten unter anderem an der ZHdK. Was empfehlen Sie den angehenden Schauspieler und Schauspielerinnen?
Vor allem empfehle ich, dass sie sich mit dem zentralen Unterschied der Arbeitsweise zwischen Theater- und Filmschauspiel befassen: Nämlich dem Ausmass an Selbstständigkeit, das beim Filmschauspiel benötigt wird. Am Theater arbeitet man aktiv mit der Regie zusammen, es wird viel geprobt, man wird geführt. Beim Film, und das fängt beim Casting an, muss man eine Szene und die jeweilige Rolle weitgehend selbstständig erarbeiten, um dann der Regie einen Vorschlag machen zu können. Bei einer Hauptrolle wird allenfalls die Regie länger mit dem Schauspieler, der Schauspielerin proben oder man arbeitet mit einem Schauspielcoach. Bei kleineren Rollen wird erwartet, dass man die Figur weitgehend selbstständig erarbeitet und gut vorbereitet mit einem Vorschlag ans Set kommt. Ich erkläre auch die Funktion des Castings für Produktion und Regie und gebe einen Einblick in den ganzen Ablauf der Herstellung eines Films. Je besser sie die Abläufe kennen, je selbständiger können sie sich integrieren.
Wie steht es um den Schweizer Schaupielnachwuchs?
Gut, absolut. Das zeigt sich immer wieder durch das Projekt Jung & Gut, welches meine Büropartnerin Nora Leibundgut mit unserer Mitarbeiterin Mirjam Schilliger durchführt. Dank diesem Projekt lernen wir die jungen Darsteller und Darstellerinnen kennen, welche noch in der Ausbildung sind, sei es in der Schweiz oder im näheren europäischen Raum.