Zwischen Vorgabe und Gestaltung
Adrien Kuenzy und Teresa Vena 4. Juni 2026
Der Auftragsfilm produziert nicht nur Inhalte, sondern auch Begegnungen zwischen Welten, die sich sonst kaum vermischen würden. Innerhalb weniger Wochen kann ein und dasselbe Team von einem Krankenhaus zu einem Festival wechseln, von einer Baustelle zu einer politischen Kampagne, von einem Museum zu einer Fabrik. Diese Durchlässigkeit verleiht dem Auftragsfilm einen wertvollen Platz in der Schweizer audiovisuellen Landschaft.
In den späten 1950er Jahren ist ein tiefer Graben zwischen dem sogenannten «unfreien» Auftragsfilm und dem «freien» Autorenfilm entstanden. Für die Filmschaffenden dieser Zeit bedeutete es Versagen oder gar Schmach, wenn Schauspieler oder Regisseure mit dem Auftragsfilm, mit Werbung, Erklärfilmen oder Firmenporträts ihr Geld verdienen mussten.
Heute kennt man das Potenzial dieser Filme; es ist eine grosse Vielzahl an meisterhaften Auftragsfilmen entstanden und entsteht noch immer. Es scheint kein Makel mehr zu sein, zuzugeben, dass man auch Auftragsfilme macht. Abgesehen davon, dass in vielen Fällen die wirtschaftliche Situation einem keine andere Wahl lassen kann.
Der Begriff «frei» ist sowieso mit Vorsicht zu benutzen. Der Zürcher Regisseur Hans Trommer, bekannt für seinen Spielfilm «Romeo und Julia auf dem Dorfe» (1941), sagte selbst, er habe sich in der Werbung immer am wohlsten gefühlt, dort konnte er seine Ideen am besten umsetzen. Die Kompromisse, die er beim Spielfilm habe eingehen müssen, seien ihm wie Fesseln vorgekommen. Trommer schreibt man auch in den Auftragsarbeiten eine eigene Handschrift zu, er war Drehbuchautor, Regisseur und Produzent in Personalunion – die Definition eines Autorenfilms schlechthin. Auch Hans Kaufmann spricht in unserem Treffpunkt mit ihm davon: In Bezug auf die Konzeption und Haltung zu seinen Projekten macht er keinen Unterschied zwischen den beiden Filmformen.
Die Grenzen zwischen Werbung, Dokumentarfilm, Fiktion, kultureller Kommunikation oder digitalen Inhalten sind zunehmend beweglich. Dieselben Filmschaffenden, dieselben Kameraleute sowie dieselben Techniken wechseln von einem Format zum anderen. Und, wie gesagt, entgegen mancher hartnäckiger Klischees bedeutet der Auftragsfilm nicht zwangsläufig den Verzicht auf eine persönliche Handschrift. Mehrere Regiepersonen berichten, wie Trommer einst und Kaufmann heute, von unerwarteten Freiräumen, insbesondere wenn sich über längere Zeit ein Vertrauensverhältnis mit Auftraggebern entwickelt.
Die Dynamiken im Auftragsfilm unterstreichen den kollektiven Charakter des Filmemachens und die Anpassungsfähigkeit ihrer Kreativen. Filmschaffende müssen mit konkreten Vorgaben, teils widersprüchlichen Erwartungen und absurden Fristen umgehen. Man muss schnell überzeugen, schnell drehen, schnell liefern. Lösungen finden, noch bevor man Zeit hat, die Probleme theoretisch zu durchdringen. Diese Ökonomie der Mittel fördert eine praktische Intelligenz und eine Anpassungsfähigkeit, die wiederum weite Teile des unabhängigen Schweizer Kinos prägen.
Genauso wie der Autorenfilm von unserer Gesellschaft in der Vergangenheit und Gegenwart erzählt, tut das auch der Auftragsfilm. Er transportiert Werte und trägt ebenfalls Verantwortung für die Bilder, die er produziert. Er wirkt identitätsstiftend und übernimmt nicht zuletzt in gleichwertiger Weise eine bedeutsame Funktion für die Professionalisierung, Weiterentwicklung und den Erhalt der Schweizer Filmindustrie. Gemäss einer Studie des Verbands der Schweizer Auftragsfilmbranche Swissfilm Association beträgt die Wertschöpfung der Branche rund 320 Millionen Franken im Jahr.
In einer fragilen und unterfinanzierten Schweizer audiovisuellen Landschaft wirkt der Auftragsfilm wie ein unsichtbarer Motor – nicht nur wirtschaftlich, sondern auch kreativ.