Godard weiterleben lassen
Die Fondation Jean-Luc Godard will das Werk des Filmemachers katalogisieren und bewahren. Für Gründungsmitglied Fabrice Aragno geht es auch darum, Godards Experimentiergeist weiterzugeben.
Adrien Kuenzy 3. April 2026
Der Filmhistoriker Vinzenz Hediger leitet seit Januar die Cinémathèque suisse. Mit Penthaz für die Archivierung und dem Capitole für das Publikum möchte er die einzigartigen Infrastrukturen zugänglicher machen.
Ich wusste, dass viel in den Ausbau der Infrastrukturen investiert worden war. Das Archivierungszentrum in Penthaz sucht seinesgleichen. Ich denke, das einzige vergleichbare Zentrum ist derzeit das thailändische Filmarchiv in der Nähe von Bangkok. Und das Capitole ist einfach grandios: der schönste Kinosaal der Schweiz, und einer der schönsten Europas. Obwohl er für die Stadt Lausanne etwas gross ist (lacht). Wir müssen also ein attraktives Programm bieten, um viel Publikum anzulocken und unser Budget im Gleichgewicht zu halten.
Durch die Einfrierung der Beiträge des Bundes befinden wir uns in einer leichten finanziellen Krise. Normalweise erhält diese Art von Institution automatisch eine jährliche Budgeterhöhung von 3 bis 4 Prozent. Dies ist notwendig, um die Inflation auszugleichen und die automatischen Lohnerhöhungen zu bezahlen. Solange das Budget eingefroren bleibt, verzeichnen wir einen realen Rückgang von 2 bis 3 Prozent pro Jahr. Das zwingt uns dazu, Strategien zu erdenken, um anderswo Geld aufzutreiben. Für das Capitole müssen wir dringend die Drittmittelakquise entwickeln, und wir müssen das Programm anpassen, um mindestens 100’000 Eintritte pro Jahr zu verkaufen.
Die nächste Erhöhung wird früher oder später kommen, doch vorerst müssen wir mit den vorhandenen Mitteln besser wirtschaften. Dazu unternehmen wir kleine Schritte, die eine grosse Wirkung haben können: elektronische Rechnungsstellung, ein neues Instrument zur einfacheren Berechnung der Budgets für unsere Abteilungsleiter. Das sind keine spektakulären Änderungen, doch sie sind sehr wichtig.
Wenn man die Leitung einer solchen Institution übernimmt, braucht man Zeit, um die internen Prozesse zu verstehen und Entwicklungsmöglichkeiten zu identifizieren. In der Regel braucht es ungefähr 18 Monate, um eine neue Dynamik zu schaffen.
Ja. Jedes Filmarchiv der Welt ist unterfinanziert und unterbesetzt. Wir haben Arbeit für die nächsten 100 Jahre. Doch das Tempo, in dem wir die Bestände bearbeiten, hängt von den verfügbaren Mitteln ab. Wenn das BAK beschleunigen will, so ist das möglich, doch es kostet mehr Geld. Deshalb arbeiten wir daran, unsere Effizienz mit den aktuellen Ressourcen zu steigern, und dann schauen wir weiter.
Wir sind der Meinung, dass die Zukunft des Films im Archiv beginnt. Die Cinémathèque ist ein Ort, wo Filmwissen erschaffen und geteilt wird – und durch die Filme Allgemeinwissen. Doch sie ist auch ein Ort, der Kreativität fördert, indem er archiv-basierten Projekten Zugang zu seinen Sammlungen gewährt. Derzeit sind zwei Filme in Produktion, die Elemente aus unseren Sammlungen verwenden. Zudem werden Bilder heute anders verbreitet: über Online-Plattformen, soziale Netzwerke, zuweilen sogar TikTok. Auch das muss dokumentiert werden.
Ich fokussierte mich in meiner Karriere weniger auf Autoren, sondern habe immer mit Werken gearbeitet, die sich sonst niemand ansah: Industriefilme, Vorschauen, Tierfilme. Genau das fasziniert mich an der Cinémathèque: die Fülle der Sammlungen in diesen Bereichen. Ich glaube auch, dass die Öffentlichkeit sich dafür interessiert. Wir bearbeiten derzeit eine sehr schöne Sammlung von Pathé-Baby 9,5 mm-Amateurfilmen, die in der Waadtländer Riviera, im Pays-d’Enhaut und am Genfersee gedreht wurden. Ich bin sicher, dass sie im Kino Erfolg hätten.
Eine breite Definition des Schweizer Filmerbes wäre: Jedes Mal, wenn jemand eine Kamera in die Hand nimmt und filmt, gehört das irgendwie zum Filmerbe. Der Archivar hat die schwierige Aufgabe, eine Auswahl zu treffen, denn wir können nicht alles aufbewahren. Dazu fehlen uns der Platz und die Ressourcen, und nicht alles ist wichtig oder interessant.
Mit unseren Infrastrukturen und Fachkräften sind wir in Bereichen wie analoge und digitale Restauration sowie digitale Archivierung weltweit führend. Penthaz ist das nationale Kompetenzzentrum für audiovisuelle Archivierung und wird durch die Erweiterung der Bestände und die Zusammenarbeit mit anderen Kulturerbe-Institutionen, die nicht auf audiovisuelle Werke spezialisiert sind, weiter an Bedeutung gewinnen. Die Filmarchive arbeiten eng zusammen: die FIAF hat einen bemerkenswerten Austausch aufgebaut, und die Cinémathèque suisse spielt in diesem Netzwerk eine wichtige Rolle.
Wir haben kürzlich vom Kanton Waadt eine Finanzierung zur Bearbeitung der Bolex-Bestände erhalten. Die Firmen Bolex aus Yverdon und Nagra der Familie Kudelski aus Lausanne haben den Film revolutioniert. Das sind lokale Projekte mit internationaler Strahlkraft. Wir sind auch im Gespräch mit der neuen Fondation Jean-Luc Godard, um abzuklären, ob die Cinémathèque ein wichtiges Forschungszentrum rund um das Werk Godards werden könnte.
Ich zitiere oft den Philosophen Alain Badiou, für den das Kino ein Wahrzeichen der Demokratie ist: ein Ort, an dem man zusammenkommt, um eine künstlerische Erfahrung zu teilen. Ein Filmarchiv muss auch diese gemeinschaftliche Dimension bewahren. Was uns ausmacht ist das Teilen von Filmwissen. Ein Filmarchiv ist ein Museum und zugleich viel mehr: Es ist ein System zur historischen und konzeptuellen Orientierung in einer von Bildern geprägten Welt. Wenn man die Publikumszahlen betrachtet, stellt man in den kommerziellen Kinos einen Rückgang fest, während die Tendenz im Bereich des Filmerbes steigend ist. Im Capitole verzeichneten wir 2025 fast 60’000 Eintritte, was einer Zunahme von 15 Prozent gegenüber 2024 entspricht, und im Januar 2026 verdoppelten sich die Zahlen im Vergleich zum Vorjahresmonat. Die unvergleichliche Erfahrung im Capitole trägt sicher auch dazu bei.
Ja. Wir haben einen wichtigen Auftrag aus Nigeria erhalten, das nach Indien der zweitgrösste Filmproduzent weltweit ist. Wir werden in Penthaz einen sehr bedeutenden nigerianischen Film aus den 1990er-Jahren erhalten, der den Übergang Nollywoods vom Analogfilm zum Videofilm markiert, und mit dem Arsenal in Berlin zusammen an seiner Restaurierung arbeiten. Unser Ziel ist, die Cinémathèque suisse als weltweites Kompetenzzentrum zu positionieren. Zudem möchten wir Filme aus den bevölkerungsreichen Gegenden der Welt bekannt machen, denn sie erzählen vom Leben eines Grossteils der Menschheit.
Wir wollen im Programm des Capitole mehr Filme aus unseren Sammlungen zeigen; Montbenon und Penthaz sollen näher zusammenrücken. Zudem unterhalten wir ein Netzwerk aus Partnerkinos, das sich vom Grütli in Genf über das Rex in Bern, das Filmpodium und das Xenix in Zürich, demnächst das Stadtkino in Basel, bis zum Kinok in St. Gallen erstreckt. Wir werden gemeinsame Programme mit Werken aus unseren Sammlungen entwickeln und sie unter dem Label der Cinémathèque besser vermarkten. Auch werden wir vermehrt mit Festivals zusammenarbeiten. Schliesslich gibt es noch die digitale Verbreitung: wichtigster Akteur bleibt hier das Fernsehen. Wir denken über eine Zusammenarbeit mit Play Suisse nach, um ein Fenster für die Cinémathèque mit Kontextinformationen einzurichten.
Lange dachte man, durch die Digitalisierung würde die Archivierung billiger. In Wahrheit ist das Gegenteil der Fall: Der Unterhalt der digitalen Infrastrukturen ist dauerhaft und kostspielig. Eine Kopie auf Polyesterfilm kann Jahrhunderte überleben. Digitale Träger müssen ungefähr alle fünf Jahre migriert werden. Wir leben in einer Welt, wo praktisch alle Filme digital produziert werden, doch wir müssen teure Infrastrukturen unterhalten, um sie aufzubewahren.
Ich wünsche mir, dass die Öffentlichkeit sich aus der Cinémathèque das nimmt, was wir anbieten wollen: Filmwissen und Allgemeinwissen durch Filme, eine Orientierung in der Welt der bewegten Bilder. Wir müssen die Bearbeitung des Bestands beschleunigen und den Zugang zu den Sammlungen erleichtern. Für die Leserschaft des Cinébulletin ist meine Mission einfach: die Cinémathèque für die Branche nützlicher machen. Wenn ein Film seine kommerzielle Laufbahn abschliesst und in der Cinémathèque landet, ist dies in Wahrheit der Beginn eines neuen Zyklus.