Persönliche Geschichten  im Spiegel der Grossstadt
Ufuk Emiroglu. © zvg
releve

Persönliche Geschichten im Spiegel der Grossstadt

Silvia Posavec 18. September 2026

Nach einem ersten langen Dokumentarfilm präsentiert Ufuk Emiroglu nun ihr Spielfilmdebüt im internationalen Wettbewerb des Zurich Film Festival. «Sevda» verbindet das universelle Phänomen der Gentrifizierung mit einer persönlichen Auseinandersetzung mit Familiengeschichte und historischem Bewusstsein.

copy linkshare facebookshare linkedinshare instagram

Die einen Filmschaffenden gelangen zum Kino, weil sie sich für die visuelle Vielfalt und Kraft der Bewegtbilder interessieren, andere wollen durch das Medium eigene Geschichten erzählen. Wieder andere finden zum Film, weil er ihnen als Werkzeug dient, das Menschsein zu erkunden. Bei der schweizerisch-türkischen Regisseurin Ufuk Emiroglu kommen alle drei Motive zusammen – am eindrücklichsten jedoch letzteres.

In La Chaux-de-Fonds aufgewachsen, studierte Emiroglu zunächst Kunst, beschäftigte sich mit Medienkunst und absolvierte einen Bachelor in Psychologie. Allmählich entdeckte sie, dass das Filmemachen ihre unterschiedlichen Interessen miteinander verbindet. Getrieben vom Wunsch, sich selbst und andere besser zu verstehen, formuliert Emiroglu ihren Vorsatz: «Anhand meiner Figuren möchte ich universelle und gesellschaftliche Fragen erkunden, und das aus einer vertieften psychologischen Perspektive.»

Diese vertiefte Auseinandersetzung begann bei der jungen Regisseurin zunächst bei sich selbst. In ihrem ersten hybriden Dokumentarfilm «Mon père, la révolution et moi» (2013), den sie nach ihrem Studium an der HEAD in Genf realisierte, erzählt sie ihre bewegte Familiengeschichte: von der revolutionären Vergangenheit ihrer Eltern in der Türkei der späten 1970er Jahre über ihre Ankunft als Vierjährige in der Schweiz bis zu ihrer Suche nach Identität und Zugehörigkeit zwischen Utopien und Kunst. «Mein erster Film war autobiografisch», sagt Emiroglu. «Die Arbeit daran hat mir geholfen, mich mit meiner Vergangenheit auseinanderzusetzen und meinen Frieden mit ihr zu finden.»

«Mon père, la révolution et moi» wurde unter anderem in Locarno und an den Solothurner Filmtagen, wo er für den Prix de Soleure nominiert war, gezeigt. Der Film führte Emiroglu auch in die Türkei, zu einer Zeit, als im Zuge der Gezi-Park-Proteste breite Teile der Zivilgesellschaft gegen umstrittene Stadtentwicklungsprojekte und Korruption protestierten. Inspiriert von den Begegnungen und getragen von den politischen Idealen, für die bereits ihre Eltern gekämpft hatten, knüpfte Emiroglu wichtige Kontakte, aus denen nun «Sevda», ihr erster Spielfilm hervorging.

Von der Vergangenheit eingeholt

Die titelgebende Sevda ist eine emanzipierte Istanbuler Architektin, die ein Bauprojekt realisieren soll, für das ein alter osmanischer Friedhof weichen muss. «Ich erzähle die Geschichte aus der Sicht einer Figur, die selbst Teil des Gentrifizierungsprozesses ist, und begreife zugleich die Stadt als eigenständige Figur», sagt Emiroglu. Die gigantischen Neubauten Istanbuls, insbesondere der Baukomplex in Fikirtepe, der auch im Film zu sehen ist, waren dabei ein zentraler Ausgangspunkt.

Istanbul wurde zu Drehort, Chance und Herausforderung für die schweizerisch-türkisch-belgische Koproduktion. Der Markteintritt internationaler Streaminganbieter professionalisierte die türkische Filmbranche und ermöglichte Emiroglu, ein hochqualifiziertes lokales Team zusammenzustellen. Erschwert wurde der Dreh jedoch durch stetig steigende Kosten der Produktion als Folge der Inflation: Sieben Drehtage gingen verloren. Zusätzlich stellte Istanbuls Stadtverwaltung historische Stätten 2019 unter Denkmalschutz, wodurch Dreharbeiten auf einem osmanischen Friedhof nicht mehr möglich waren. Während die dystopischen Häuserlandschaften real sind, entstanden die historischen Schauplätze am Set.

Slider image
Bei den Dreharbeiten von «Sevda». © Gökçe Özer

Emiroglu erzählt in «Sevda» von individueller Entfremdung, Gentrifizierung sowie von der Bedeutung historischen, politischen und familiären Erbes. Im Zusammenspiel mit ihrem ersten Film werden auch Spuren ihrer Familiengeschichte sichtbar: «Ich schöpfe aus mir selbst, aus meinen Erinnerungen und Emotionen, um die Figuren mit Leben zu füllen, durch kleine, aber umso authentischere Details.»

Die Bilder von megalomanen Glasfassaden, in denen sich die osmanischen Grabsteine wie Mahnmale der Vergänglichkeit spiegeln, stossen auf eine vielschichtige Erzählung und eine komplexe Hauptfigur, damit löst die Regisseurin ihre eigenen filmischen Vorsätze mit ihrem ersten Spielfilm ein. Während Ufuk Emiroglu am nächsten Projekt arbeitet, das in der Schweiz angesiedelt sein wird, feiert «Sevda» am ZFF 2026 Weltpremiere.

Lesen Sie auch