Organisation eines Filmstarts
Bei den Dreharbeiten von «À bras-le-corps» mit Regisseurin Marie-Elsa Sgualdo und Schauspilerin Lila Gueneau. ©️ Box Productions/Aurélia Thys

Organisation eines Filmstarts

Adrien Kuenzy 3. April 2026

Ein Filmstart ist innerhalb strategischer und wirtschaftlicher Herausforderungen ein fragiler Prozess. Anhand von «À bras-le-corps» von Marie-Elsa Sgualdo, verliehen durch Outside the Box, zeigen sich die Mechanismen des unabhängigen Verleihs in der Schweiz.

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Anfang Februar: Zur Vorpremiere des von der Lausanner Produktionsfirma Box Productions produzierten «À bras-le-corps» der Westschweizer Filmemacherin Marie-Elsa Sgualdo ist das Capitole in Lausanne mit über 700 Personen bis auf den letzten Platz besetzt. Für den Verleih Outside the Box ist die Veranstaltung der Endpunkt monatelanger Vorbereitungen – und zugleich der Beginn einer ungewisseren Phase.

Die Vorpremierentour verlief vielversprechend. «Wir haben Rekordzahlen verbucht: rund 500 Zuschauende in Neuchâtel, 300 in La Chaux-de-Fonds und Fribourg, 150 in Vevey», so Sebastiano Conforti, von Outside the Box. «Doch der kritische Moment kommt danach, wenn der Film in den Kinos startet.»

Denn Filmverleih ist ein schwer vorhersehbares Geschäft. «Es ist keine exakte Wissenschaft. Man kann vieles vorbereiten, doch man weiss nie genau, was passieren wird», sagt Conforti. Dabei beginnt die strategische Arbeit sehr früh, manchmal bereits in der Postproduktion oder sogar während der Dreharbeiten, wenn der Verleih das Projekt begleitet. Im Fall von «À bras-le-corps» wurde die Promotionsidentität nach und nach aufgebaut. Insbesondere für das Plakat brauchte es mehrere Monate Arbeit und Dutzende Versionen.

Die Auswahl des Films 2025 in Venedig beschleunigte den Prozess. Aufgrund der Präsenz an einem internationalen Festival brauchte der internationale Verleiher, François Morisset, rasch Promotionsmaterial. In dieser Phase müssen viele Entscheidungen getroffen werden. «Alle sagen ihre Meinung und niemand hört zu, aber zum Schluss hat man etwas, das alle zufriedenstellt», so Conforti.

Der Kinostart muss ebenfalls von langer Hand geplant werden. «Sechs Monate vor dem Kinostart habe ich mir die Startliste angeschaut. Da siehst du alle geplanten Kinostarts, bei gewissen Grossproduktionen bis ins Jahr 2028, und versuchst, eine Nische zu finden, in der dein Film bestehen kann», erklärt Conforti. Doch auch die beste Vorbereitung kann den tatsächlichen Erfolg eines Films nicht vorhersagen.

Vorpremieren spielen eine strategische Rolle. Outside the Box verwendet einen Grossteil der Mittel für diese Phase. «Wir investieren viel, um Leute anzulocken, die uns nicht kennen. So wollen wir die Mundpropaganda ins Rollen bringen – das ist etwas vom Schwierigsten, denn es hängt in erster Linie vom Publikum ab und nicht nur von uns. Filmschaffende, die ihren Film gut vertreten können, sind dabei sehr hilfreich. Marie-Elsa hat sich diesbezüglich voll engagiert.»

Sobald der Film in die Kinos kommt, hat der Verleih keinen grossen Einfluss mehr auf seinen Werdegang. Seine Lebensdauer hängt unmittelbar von seinem Starterfolg und den Entscheidungen der Kinos ab. «Wir haben nicht die Einflussmöglichkeiten der grossen Verleiher. Wir können niemandem einen Film aufzwingen», betont Conforti. Die Folgen sind direkt spürbar: «Gewisse Filme bleiben nur eine Woche im Programm; fünf Wochen sind bereits ein Rekord.» Trotz grossem Promotionsaufwand können unabhängige Produktionen so schnell wieder von der Leinwand verschwinden.

Experimente ohne Erfolgsgarantie

Angesichts dieser Schwierigkeiten hat Swiss Films das Pilotprogramm «Campaign Booster» lanciert, um neue Promotionsformen zu testen. Dabei werden den Verleihern nicht direkt Mittel zur Verfügung gestellt, sondern Kampagnen von externen Dienstleistern finanziert. Für «À bras-le-corps» wurden so rund 50’000 Franken in eine von der Firma Imagina Studio umgesetzte Kampagne investiert.

Für einen unabhängigen Verleih ist dies eine beträchtliche Summe. «Für uns ist das viel Geld, doch für eine richtige landesweite Kampagne ist es wenig», relativiert Conforti. Eine landesweite Werbekampagne kann für ein Konsumprodukt bis zu 500’000 Franken oder mehr kosten – Beträge, die für Schweizer Filme unerreichbar sind.

Outside the Box hatte bereits mit dem Animationsfilm «Mary Anning» von Marcel Barelli am Programm von Swiss Films teilgenommen. Die in Zusammenarbeit mit der Lausanner Firma Tabs erdachte Kampagne fand in Form einer mehrere Monate andauernden Schatzsuche in der ganzen Schweiz statt. Der Film generierte schliesslich rund 13’000 Eintritte – ein achtenswertes Ergebnis, das jedoch unter den Erwartungen blieb.

Die Strategie für «À bras-le-corps» konzentrierte sich auf die sozialen Netzwerke. Rund 20 Mikro-Influencer wurden rekrutiert, um den Film auf organischere Weise zu verbreiten. Doch die Wirksamkeit dieser Massnahmen ist schwer messbar. «Manchmal habe ich den Eindruck, dass die Leute, die sich im virtuellen Raum aufhalten, auch dort bleiben», so Conforti. Durch die digitalen Kennzahlen kann man zwar die Sichtbarkeit der Inhalte messen, nicht aber die realen Auswirkungen auf die Kinoeintritte. «Wir wenden viel Zeit auf, um darzulegen, wie wir das Geld ausgegeben haben und um Statistiken zu erstellen, doch schlussendlich weiss man nie, was die Leute dazu bewegt, ins Kino zu gehen.»

Diese Entwicklung widerspiegelt einen tiefgreifenden Wandel in der Branche. Seit seinem Einstieg bei Outside the Box 2017 stellt Conforti eine stetige Intensivierung der Promotionsarbeit fest. «Anfangs war ich praktisch allein und konnte alles machen. Heute braucht es fünf oder sechs Personen, um das Material herzustellen und zu verbreiten.» Die zunehmende Bedeutung der sozialen Netzwerke hat die Arbeit vervielfacht, ohne eine bessere Sichtbarkeit zu garantieren. «Uns fehlen die Kenntnisse, um professionelle Kommunikation zu betreiben unddie Mittel, um es richtig zu machen.»

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«A bras-le-corps», Marie-Elsa Sgualdo
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«A bras-le-corps», Marie-Elsa Sgualdo
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«A bras-le-corps», Marie-Elsa Sgualdo
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«A bras-le-corps», Marie-Elsa Sgualdo

Handwerksarbeit

Neben der klassischen Promotionsarbeit setzte Outside the Box auf Partnerschaften, um bestimmte Publikumskreise zu erreichen. So arbeitete der Verleih mit Pro Senectute, der Zeitschrift Générations und dem feministischen Streikkollektiv Neuchâtel zusammen, die durch intensive Akquisitionsarbeit mobilisiert wurden. «Jemand erstellt eine riesige Excel-Liste, wir schreiben alle an, fassen nach, lassen nicht locker», erklärt Conforti. Parallel dazu widmete sich eine Person ausschliesslich den sozialen Netzwerken und der Organisation der Vorpremierentour. Diese Tätigkeiten sind budgetintensiv: Outside the Box schätzt, dass dafür zusätzlich zu den üblichen Kosten rund 40’000 Franken ausgegeben wurden.

Trotz aller Bemühungen bleiben gewisse Zielgruppen schwer erreichbar, insbesondere an Schulen. Die Erwähnung einer Vergewaltigung im Film löste Bedenken aus. «Einige Lehrkräfte teilten uns mit, dass dies schwierig sei.» «Wir beschäftigten uns monatelang mit der Frage, ob wir das Wort ‹Vergewaltigung› überhaupt in der Inhaltsangabe des Films verwenden sollten.»

Diese Herausforderungen zeugen von einer Realität in der Filmbranche: Trotz der Professionalisierung der Promotionsinstrumente behält der Verleih immer eine handwerkliche Dimension. Und der Werdegang eines Films hängt immer von einem entscheidenden und unvorhersehbaren Faktor ab – seinem Anklang beim Publikum.

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