Kinder zuerst
Image tirée de « Molly Monster », de Ted Sieger. © Ted Sieger

Kinder zuerst

Die Fragen stellte Alexandre Ducommun 9. Januar 2026

Seit den späten 1980er Jahren schreibt, realisiert und produziert Ted Sieger Filme für das junge Publikum in der Schweiz und im Ausland. Wir haben mit dem Spezialisten für Kinderanimationsfilme über die Besonderheiten des Drehbuchschreibens für Kinder gesprochen.

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Wie gehen Sie vor, wenn Sie für ein junges Publikum schreiben?

Mit der langjährigen Erfahrung entwickelt man Automatismen, doch es ist eine ganz besondere Arbeit: Man hat eine Verantwortung gegenüber den Kindern und den Figuren, die man erschafft. Die Kinder müssen sich mit der Hauptfigur identifizieren können, und das funktioniert nur in einem kohärenten Universum. Zudem muss man sich mit Kindern auskennen: ihre Bücher lesen, ihre Reaktionen beobachten, mit ihnen reden. Das ist unabdingbar, um die richtige Haltung einzunehmen und mit dem Publikum im Einklang zu stehen. Ich für meinen Teil verwende weder Gewalt, noch Zynismus oder zweideutigen Humor, wie man es für Erwachsene tun könnte. Ausserdem muss man gewisse Regeln der Vertriebe einhalten, die variieren und mehr oder weniger sinnvoll sein können.

Wie unterscheidet sich das Drehbuchschreiben für einen Film mit oder ohne Dialoge?

Das sind zwei ganz verschiedene Dinge. Für einen Film mit Dialogen muss man Figuren mit einer glaubhaften Sprechweise erschaffen und diese beibehalten. Danach muss man gute Schauspielende finden, um die Figuren zum Leben zu erwecken. Das ist nicht immer einfach, erst recht in der Schweiz, wenn in mehrere Sprachen übersetzt werden muss. Filme ohne Dialoge sind fast eine eigene Kunstform. Sie sind poetischer und ähneln eher einer Pantomime oder Fabel. Da man nichts erklären kann, muss alles durch die Inszenierung ausgedrückt werden. Andererseits sind solche Werke von Anfang an international – und im Übrigen das, was ich am liebsten schreibe.

Wie fangen Sie die Reaktionen des jungen Publikums ein?

Es gibt viele Gelegenheiten zum Austausch: an Festivals, bei Schulvorführungen oder über die Eltern. Bei grossen Projekten organisieren wir in der «Animatic»-Phase Testvorführungen. Dazu nehmen wir Kinder aus der entsprechenden Alterszielgruppe und beobachten ihre Reaktionen. Lachen sie? Verstehen sie die Geschichte oder klinken sie sich in der Mitte des Films aus? Das lässt sich klar feststellen, und zuweilen zwingt es uns, gewisse Dinge zu überarbeiten. Kinder sind ein sehr ehrliches Publikum, sie täuschen nichts vor.

Sie sagen, es gebe verschiedene Altersgruppen mit unterschiedlichen Erwartungen. Welchen Einfluss hat dies auf den Schreibprozess?

Das ist vor allem eine Frage der Erfahrung. Die Jüngsten verstehen zum Beispiel keine Parallelhandlungen. Die Geschichten müssen einfach und emotional sein. Mit zunehmendem Alter kann man Konflikte, Komplexität oder längere Formate einführen. Jeder Vertrieb hat seine eigenen Definitionen der Altersgruppen, die etwas variieren können, doch sie folgen derselben Logik: Die Struktur muss der Art und Weise entsprechen, wie die jeweilige Altersgruppe eine Geschichte versteht.

Wo würden Sie ansetzen, um diesem Sektor zum Durchbruch zu verhelfen?

Es braucht starke Inhalte und Ideen, die das Zeug für eine Serie oder zumindest einen halbstündigen Film haben. Das Wichtigste ist, ein Universum zu erschaffen, da reicht eine gute Szene nicht aus. Etwas Kommerzielles – was nicht gleichbedeutend ist mit vereinfacht – das innerhalb der Einschränkungen der Branche existieren kann. Weltweit richten sich derzeit fast 80 Prozent der Animationsfilme an Kinder. Für eine nachhaltige Entwicklung des Sektors muss die Schweiz hier mitziehen.

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Ted Sieger © zvg
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Filmstill aus «Ted Sieger's Wildlife» von Ted Sieger. © zvg
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Filmstill aus «Molly Monster» von Ted Sieger. © Ted Sieger

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