In die Zukunft investieren
Teresa Vena 9. Januar 2026
«Ach, wie niedlich». Das höre man regelmässig, wenn man erzähle, dass man mit Kindern arbeite. Es ist kaum ein Zufall, dass es besonders Frauen so geht, schliesslich sind sie es, die besonders häufig in diesem Bereich tätig sind. Gleichzeitig ist der zitierte Ausdruck auch ein Indikator dafür, welche Stellung man Kindern und Jugendlichen in unserer Gesellschaft zumisst. Kulturelle Teilhabe ist ein wichtiges Instrument für eine gesunde intellektuelle Entwicklung. Das Angebot, das im audiovisuellen Bereich in der Schweiz dafür zur Verfügung steht, ist, vorsichtig gesagt, beschränkt.
Im Rahmen eines Kurses hat Filmkids die Teilnehmenden im Alter zwischen etwa 10 und 17 Jahren gefragt, welche Filme sie schauen, mit welchen Figuren sie sich identifizieren können und welche Stoffe ihnen allenfalls bisher fehlen. Fast ausnahmslos führten die Jugendlichen US-amerikanische Grossproduktionen auf, was nicht überrascht. Bezeichnend jedenfalls waren die Antworten bezüglich der Identifikation. Die Mädchen, die in grösserer Zahl an der Umfrage teilnahmen, suchen nach Vorbildern. Sie nennen Figuren, die sie als «stark» bezeichnen, die sie als «Mutmacherinnen» empfinden. Sie sehen sich in Heldinnen wieder, in Figuren, die für sich einstehen.
Was man auf der Leinwand oder am Bildschirm sieht, beeinflusst uns. Im englischsprachigen Raum spricht man vom Scully-Effekt: Weil die Figur Dana Scully in «Akte X» zeigte, dass auch Frauen ernstzunehmende Wissenschaftlerinnen sein können.
Es ist wichtig, solche Identifikationsfiguren für die Schweizer Kinder und Jugendlichen zu schaffen. Dass sie aus einem eigenen kulturellen Kontext entstehen, ist insofern von Bedeutung, als die Vielfalt der eigenen Gesellschaft dabei zum Tragen kommt. Verliere man eine Generation an eine Kultur oder ein Wertesystem, das man nicht teile, verliere man sie auch für die Interessen der eigenen Gesellschaft, meinte der Medienberater Greg Childs am diesjährigen Film Kids Forum.
Die bekanntesten Kinderfilme, die in der Schweiz in den letzten Jahren entstanden sind, beruhen fast alle auf Literaturvorlagen: «Heidi», «Papa Moll» oder «Mein Name ist Eugen». Sie stammen alle aus einer schon merklich älteren Gesellschaftsverfassung, in der nicht nur Geschlechterrollen anders definiert waren, sondern auch der politische Kontext ein anderer war. Es stimmt, dass Kinderfilme auch den Eltern und Grosseltern gefallen müssen, damit sie mit den Kindern ins Kino gehen, doch es braucht dringend neue Referenzen.
Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre machen aktuell in der Schweiz 27 Prozent der Bevölkerung aus. Bei der Zürcher Filmstiftung machten in den letzten Jahren Förderanträge für Kinder- und Familienfilme nur 5 Prozent aller eingereichten Gesuche aus. Die Rahmenbedingungen für die Produktion dieser Filmgattung müssten beispielsweise mit einem eigenen Förderhaushalt oder einem Bonussystem angepasst werden. Bisher konkurrieren sonst die Projekte, die aus verschiedenen Gründen andere Produktionsvoraussetzungen haben, mit den restlichen auf ungleicher Ebene.
Die SRG als Partner sei bei der Herstellung eines Kinderfilms aktuell noch am interessantesten, sagt Produzentin Katrin Renz, und dies insbesondere im Rahmen des Pacte de l'audiovisuel. Daran, dass dieser in Gefahr gerät, wenn am 8. März die Halbierungsinitiative angenommen wird, erinnern wir hier ausdrücklich. Dass wir die SRG als Quelle ausgewogener Berichterstattung und Informationsvermittlung auch für eine stabile Gesellschaftsordnung benötigen, muss ebenfalls klar sein. Und dass dies einen direkten Bezug zum jungen Publikum hat, das in Zukunft über politische Themen entscheiden soll, sollte genauso einleuchten. Nicht zuletzt braucht die SRG auch Ressourcen, um das Programm für diese Bevölkerungsgruppe, der sie als Teil des Service public sogar verpflichtet ist, auszubauen.
Teresa Vena
Co-Chefredaktorin