Godard weiterleben lassen
Fabrice Aragno und Jean-Luc Godard beim Dreh von «Adieu au langage», 2013, Atelier-Wohnung Rolle. © Jean-Paul Battaggia

Godard weiterleben lassen

Adrien Kuenzy 3. April 2026

Die Fondation Jean-Luc Godard will das Werk des Filmemachers katalogisieren und bewahren. Für Gründungsmitglied Fabrice Aragno geht es auch darum, Godards Experimentiergeist weiterzugeben.

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Mich empfängt ein Sturm. In seinem Atelier in Lausanne exportiert Fabrice Aragno eine neue Version seines Films «Le Lac», während das Rauschen der Wellen den Raum erfüllt. Der Film lief bereits an mehreren Festivals und kam am 25. März ins Kino. Hier geht seine Transformation jedoch weiter. Der langjährige enge Mitarbeiter von Jean-Luc Godard arbeitet so: Bilder und Klänge verändern sich bis zum letzten Moment. Eine Methode, die Aragno am Theater erlernte und mit Godard weiterverfolgte, für den ein Film schon lange vor dem Schnitt entstand.

In der Atelierwohnung in Rolle, die Godard seit den späten Siebzigerjahren bewohnte, stapelten sich Bücher, DVDs und Bilder in IKEA-Regalen. Die Titel reagierten miteinander, die Ideen sprangen von einem Objekt zum nächsten. Nach und nach skizzierten diese Verbindungen die Grundlinien eines Films. «Die Anordnung war bereits ein Teil der Montage», blickt Aragno heute zurück.

Im Kurzfilm «Atelier Rolle», der sechs Monate nach Godards Tod im Jahr 2022 gedreht wurde, lässt Aragno eine Kamera mit Makrolinse die Regale entlanggleiten. Einmal erscheint «Éloge de l’amour» (Godard, 2001) direkt oberhalb eines Buchs über Schulden. Die Platzierung der Titel allein ist schon der Beginn eines Gedankens.

Der Raum zeugte von Methodik. Wenn Godard in seinem Studio arbeitete, hatte er den Bildschirm vor sich und die Hände auf dem Mischpult. Die Schneidetische befanden sich zu beiden Seiten, die Filme hinter ihm, die Bücherregale links. Rechts stand ein Aschenbecher und ein Porträt des Naturalisten und Saharaforschers Théodore Monod – ein Verwandter der Familie Monod, aus der Godard stammte. «Seine Arbeitsweise hatte etwas archäologisches», bemerkt sein ehemaliger Mitarbeiter.

Nach dem Tod des Filmemachers im Jahr 2022 wurde das Atelier sorgfältig dokumentiert: Objekte wurden fotografiert, vermessen und nummeriert, Regale wurden gescannt, um ihre Anordnung aufzuzeichnen und, falls nötig, anderswo wieder aufbauen zu können.

Eine Stiftung, aber kein Museum

Diesen Ansatz möchte die Anfang 2026 in Rolle gegründete Fondation Jean-Luc Godard weiterverfolgen. «Wir müssen aufpassen, dass kein Mausoleum entsteht», warnt Aragno, «ich finde Museumsvitrinen schrecklich.»

Die Stiftung vereint mehrere Vertraute Godards: die Filmhistorikerin und -theoretikerin Nicole Brenez, den Regisseur Paul Grivas, Godards Assistenten und Produktionsleiter Jean-Paul Battaggia, den ehemaligen Direktor der Cinémathèque suisse Frédéric Maire, den Historiker, Poeten und UNESCO-Botschafter für Palästina Elias Sanbar. Ihre erste Aufgabe besteht darin, das noch weit verstreute Werk aus Filmen, Korrespondenzen, Arbeitsunterlagen, Verträgen oder Aufnahmen zusammenzutragen und zu katalogisieren. Manches Archivgut ist sehr empfindlich, insbesondere die Tonspuren. «Am meisten Sorgen bereiten mir die Original-Magnetbänder», so Aragno. «Der Klang der Dreharbeiten, die Stimme Jean-Lucs, wenn er etwas erklärt... das Leben eben.»

Längerfristig hofft die Gruppe, einen Ort zu finden, der Raum für Archive, Filmvorführungen und Experimente bietet, auf einer Fläche von rund 500 bis 1000 Quadratmetern.

Die Fondation Jean-Luc Godard will das Werk des Filmemachers katalogisieren

und bewahren. Für Gründungsmitglied Fabrice Aragno geht es auch darum, Godards Experimentiergeist weiterzugeben.

Die Erfahrung fortsetzen

Auf gewisse Weise hatte die Erfahrung bereits begonnen. Schon 2020 konnte man an einer von Aragno konzipierten Ausstellung in Nyon die Bilder des Filmemachers im Raum zerlegen, um ihre Logik zu enthüllen. Eine neue Version wird dieses Jahr an der Biennale in Venedig gezeigt. «Es geht darum, sich in ihn hineinzuversetzen», erklärt Aragno, «die Welt durch seine Brille zu sehen.»

Jenseits von Archiven und Ausstellungen möchte er der Stiftung auch eine experimentellere Dimension verleihen: eine Art Anti-Akademie, ein Ort zum Arbeiten und Wohnen, wo weiterhin diverse Formen des Films erkundet werden. «Heute haben wir künstliche Intelligenz, virtuelle Realität und allerlei neue Technologien. Was könnten wir damit im Sinn von Godards Schaffensfreiheit machen?»

In diesem Geist der Kontinuität entwickelt Aragno auch ein Projekt, das aus einer Idee von Godard selbst entstand. Kurz vor seinem Tod hatte der Filmemacher einen Film mit dem Titel «Parenthèses» erwähnt. Die Idee, die mündlich übermittelt und aufgezeichnet wurde, wurde nie weiterentwickelt, doch Aragno verfolgt diese Spur heute wie eine laufende Ermittlung. Der Film würde mit einem kleinen Philosophiebuch beginnen und Figuren wie Antonio Gramsci, Pier Paolo Pasolini oder Molière zum Leben erwecken. «Es wäre kein Film von ihm, aber ein Film, der von ihm kommt.»

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