Es gibt nicht nur rechtliche Richtlinien, die das Drehen mit jungen Darstellenden bestimmen. Jeder Filmschaffende muss seine eigene Methode im Umgang mit Kindern finden, aber in den jeweiligen Erfahrungen spiegeln sich viele Gemeinsamkeiten.
Will man einen Film für ein junges Publikum machen, liegt es auf der Hand, dass darin auch Kinder mitspielen. In Filmen für ein erwachsenes Publikum setzt man sie aber ebenfalls ein. Die Anforderungen an das Spiel können je nach Filmgattung andere sein, doch um eine zielführende Beziehung zu den jungen Darstellenden muss man sich so oder so bemühen.
«Nicht alle sind gleich begabt mit Kindern», räumt Kindercoach und Filmemacherin Sira Topic ein. Sie betreut Kinder und Jugendliche bei verschiedenen Projekten vom Autorenfilm bis zur Werbung, zuletzt war sie bei «Hallo Betty» beteiligt. «Es hilft, wenn man Kinder mag», sagt sie verschmitzt. Auf das Kind einzugehen ist wesentlich, es muss sich auf dem Set wohlfühlen. Am besten geht es, wenn es Spass hat. Topic arbeitet seit rund zehn Jahren als Coach für Kinder, sie unterrichtet auch bei Filmkids und an der Swiss Film School in Zürich und hat Methoden entwickelt, wie man ein Kind zu einer guten Leistung bringen kann. «Oft werden Kinder unterschätzt», sagt sie. Die meisten Kinder kennten ihre Grenzen, man müsse sich einfach auf sie einlassen.
Mut zum Risiko
So verfährt auch Jasmin Gordon, die in ihrem Langfilmdebüt «Les courageux» von einer Mutter mit drei Kindern erzählt, die sich auf unkonventionelle Weise durchs Leben schlagen. Für die drei Rollen hat sie sich zwischen 80 und 100 Kinder angesehen. Es war ihr wichtig, dass sie noch keine Schauspielerfahrung hatten, um ein möglichst authentisches Spiel erzielen zu können. Das war unter anderem dadurch möglich, dass sie fast gänzlich auf Proben verzichtet, mit den Kindern die Situationen nur vorbesprochen hat und sie dann gleich spontan hat spielen lassen. «Nicht alle Szenen waren perfekt», sagt sie, «doch es gab unerwartete Geschenke».
Damit deckt sich ihre Erfahrung mit der des jungen Filmemachers Sinan Taner, der sagt: «Oft gab es positive Überraschungen und Momente, die organisch entstanden sind, die viel besser waren, als das was man aufgeschrieben hatte.» Mit seinem Kurzfilm und Bachelor-Abschlussprojekt an der ZHdK «1:10» reist er gerade an internationale Festivals. Darin stellt er einen Streit zwischen zwei Grundschulkindern nach, der auch auf deren Väter überschwappt. «Das Spiel von Kindern kann oft viel authentischer sein als das der Erwachsenen, wenn man es schafft, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen», ergänzt er.
Lust am Spielen
Nach dieser Authentizität hat auch Cyrill Oberholzer in «Basically a Joke» gesucht. Sie ist wesentliches Element eines Films, der genau die Künstlichkeit einer Online-Welt zum Thema hat. Wichtig für ihn war es, sich an die Bedürfnisse der beiden Mädchen, die seinen Film alleine bestreiten, anzupassen. Dafür brauchte es genug Pausen, und vor allem musste es sich nicht als Arbeit anfühlen, sondern als Spiel. Das bedingte für ihn auch, sich ausserhalb der Aufnahmen mit ihnen zu beschäftigen. «Ich habe vor den Szenen mit den Kindern Fussball gespielt oder bin selbst auf dem Pausenhof herumgerannt», sagt auch Taner.
Geduld und Kreativität brauche es im Umgang mit Kinderdarstellern, da sind sich alle einig. Verschiedene Altersgruppen weisen natürlich auch verschiedene Bedürfnisse auf. Fürsorge bedeutet aber auch gerade bei Filmen wie den oben erwähnten, die sich an ein erwachsenes Publikum richten, dass eine physische und psychische Gefährdung ausgeschlossen werden kann. Sensiblen Situationen wie Gewaltszenen versuche man Kinder nicht direkt auszusetzen, sie mit Doppelgängern zu ersetzen oder sie mit Schutzbehauptungen abzulenken, wie etwa der, sie kämpfen gegen einen Drachen. Abgesehen davon, dass man mit Kindern die betreffenden Szenen genau bespreche, sei es ein übliches Verfahren, das Drehbuch genau mit den Eltern zu besprechen. Deren Vertrauen zu haben, sei natürlich wesentlich.
Noch bestehen in der Schweiz nur wenig feste Regelungen in Bezug auf die Arbeit mit Kindern bei Filmproduktionen. Bisher muss man sich vor allem an die gesetzlichen Vorschriften in Bezug auf Arbeitszeit halten, die für Kinder unter 13 Jahren, die in künstlerischen Darbietungen mitspielen, und die bei drei Stunden pro Tag und maximal neun Stunden pro Woche liegen. In Ländern wie Frankreich oder Österreich ist es längst Pflicht, immer einen Kindercoach und eine Kinderbetreuung für die Produktion einzustellen. Seit 2025 ist in Österreich auch ein Kindeswohlkonzept in Kraft getreten, an das sich alle öffentlich geförderten Projekte halten müssen. Unter anderem besteht die Pflicht eine genaue Risikoanalyse des Drehbuchs einzureichen und sich an eine Reihe von Verhaltensmassnahmen zu halten.