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«Koproduktionen sind zur Regel geworden»

Pascaline Sordet
06. April 2021

Madeline Robert leitet bei Visions du Réel neu den Markt, VdR-Industry genannt. © Visions du Réel

Der Markt von Visions du Réel, VdR-Industry genannt, vereint mehrere Ansätze zur Unterstützung von Dokumentarfilmen in allen Stadien ihrer Herstellung. Ein Interview mit der neuen Verantwortlichen Madeline Robert, Nachfolgerin von Gudula Meinzolt, über Herausforderungen jenseits der Pandemie.

Sie haben nicht immer an so zentraler Stelle des Festivals gearbeitet. Wie ist der Übergang zu VdR-Instry verlaufen?

Seit Émilie Bujès Direktorin ist, gehen die Bestrebungen klar dahin, VdR-Industry mit dem offiziellen Wettbewerb zu verbinden. Ich habe selbst im Auswahlkomitee gearbeitet, mit Luciano Barisone, später mit Émilie Bujès. Unser Ziel ist es, durch Schaffung cineastisch einleuchtender Verbindungen das Angebot von Visions du Réel kohärenter zu gestalten. So laden wir beispielsweise einen Filmemacher dazu ein, über seinen im Wettbewerb laufenden Film hinaus auch sein nächstes Projekt vorzustellen.

 

Was genau ist das Besondere am Markt von Visions du Réel?

VdR-Industry ist eine Plattform für Begegnungen! Man versucht, die Betreiber von Projekten mit den Entscheidungsträgern zusammenzubringen. Mit Blick auf Produzenten, internationale Fonds, Weltvertriebe, die sich finanziell in die Projekte einbringen könnten, müssen wir uns ständig die Frage stellen: Welche Art von Projekt könnte ihr Interesse wecken? Das Gleiche gilt für die von Visions du Réel vorgestellten Wettbewerbsfilme: Es geht darum, dass die Programmleiter von Festivals, Verleiher und andere Käufer die Filme, die sie interessieren, sehen können. 

 

Welcher Anlass funktioniert besonders gut?

Die Formen, Projekte und Verantwortliche vorzustellen sind begrenzt, und oft genug erweisen sich die einfachsten Formate als die wirkungsvollsten. Besonders allerdings mag ich die runden Tische beim VdR-Pitching: Sie funktionieren ganz anders als bei vergleichbaren Veranstaltungen. Hier stellen Regie und Produktion ihr Projekt zunächst einem Fachpublikum von rund 300 Leuten vor, im zweiten Durchgang richtet man dann kleinere runde Tische mit jeweils rund zehn Teilnehmern ein. Die Vertreter der Projekte gehen von Tisch zu Tisch. Das belebt die Diskussion, und es gibt Zeit genug, gemeinsam über ein Projekt nachzudenken. Manchmal kommt es sogar zu einer Zusammenarbeit zwischen den Professionellen, die beisammensitzen. Dieses Format ist wirklich einzigartig und, wie ich finde, sowohl der Sache zuträglich als auch wirkungsvoll und konstruktiv. 

 

Können sie ein Beispiel nennen? Eine «Erfolgs­story», die von Visions du Réel aus ihren Lauf nahm?

Ich denke da zum Beispiel an Vadim Jendreyko von Mira Film, der gerade mit grossem Erfolg die Produktion von Taming the Garden von Salomé Jashi beendet hat (Premiere war beim Sundance Festival, später wurde der Film in Berlin gezeigt). Er hatte die georgische Filmemacherin bei Visions du Réel getroffen, wo sie ihr Projekt vorstellte. So treffliche Beispiele sind nicht die Regel, und doch werden jedes Jahr zahlreiche Verträge geschlossen. Oft ergeben sich aus diesen Begegnungen sogar dauerhafte Partnerschaften.

 

Wie finden Sie die, die Sie einladen? Woher kennen Sie ihre Wünsche und Vorlieben?

Das ist echte Basisarbeit, die man das ganze Jahr über im internationalen Rahmen auf Festivals, Fachplattformen oder Workshops leistet. Spass macht das zugegebenermassen auch, vor allem aber ist es hilfreich zu wissen, wer gerade die angesagten Player sind, zu verstehen, auf welcher Grundlage dieser oder jener Käufer einen Film auswählt, für den er sich dann einsetzt. Für so etwas sind die genaue Kenntnis der Akteure unerlässlich, ihrer Bedürfnisse und Vorlieben, ihrer Arbeitsfelder und Auswahlkriterien.

 

Verfolgen Sie auch, wie es mit den Filmemachern nach der Teilnahme am Programm von VdR-Industry weitergeht?

Die Aufführung eines Films zu erleben, der auf unserer Plattform vorgestellt wurde, ist immer schön, ob er nun in Berlin, Cannes oder Nyon Premiere hat. Natürlich beobachten wir die Teilnehmer jedes Jahrgangs und die Entwicklung ihrer Projekte. Zum einen wollen wir wissen, welchen Nutzen sie aus der Sache gezogen haben und welche Partner sie für sich gewinnen konnten. Zum anderen wollen wir besser verstehen, wie es mit ihrem Film weitergeht und ob wir noch etwas zu seiner Unterstützung tun können.

 

Was tun Sie, um neue Talente ausfindig zu machen, eine Weltpremiere an Land zu ziehen, nicht das Gleiche wie andere Festivals zu machen?

Gemäss meinem eigenen Werdegang habe ich vor allem an regionalen Workshops oder Labs Interesse, an eher lokalen Ereignissen, auf denen ich regionales Filmschaffen entdecken kann. So bin ich zum Beispiel zur DocedgeKolkata nach Kalkutta gereist, um indische, bengalische oder nepalesische Filmemacher zu treffen. In den letzten Jahren war ich an verschiedenen Zusammenkünften in Asien, wie Docs by the Sea auf Bali oder DMZ Docs in Korea. Ich treffe dort auf Branchenleute, die sich nicht um jeden Preis nach Europa ausrichten, nur weil ihnen das weit weg vorkommt.

Holen Sie sich dort auch Ideen für eigene Initiativen?

Ich finde, man sollte über direkte Beteiligungen an der Finanzierung eines Werks nachdenken. Bei DMZ Industry zum Beispiel werden die Preise, die direkt mit 15'000 oder 20'000 Franken dotiert sind, bei der Vorstellung der Projekte verliehen, wodurch ein Film dann in Angriff genommen oder beendet werden kann. In der Schweiz haben wir die nötigen Mittel, um Projekte zu unterstützen; ich fände es sinnvoll, in Verbindung mit dem Festival einen Unterstützungsfonds ins Leben zu rufen.

 

Wo finden in alldem Schweizer Filme ihren Platz?

Hinsichtlich der ausgewählten Projekte heisst es zwei Dinge im Kopf zu behalten: Unsere Suche gilt Filmen mit internationalem Zuschnitt – nicht nur einem internationalen Stoff. Sie sollten auch die Chance haben, einen internationalen Geldgeber oder Verleih zu finden.

 

Was bedeutet  für Sie «internationaler Zuschnitt»?

Es geht nicht darum, im Ausland zu drehen! Es ist eine Frage der Produktion: Wenn man internationale KoproduzentInnen sucht, muss man dazu bereit sein, dass ein Teil der Herstellung des Films anderswo stattfindet.  Und einen internationalen Verleih zu finden ist nochmal eine Frage für sich. Manche Faktoren entziehen sich der Planung, manchmal täuscht man sich und ein Projekt kommt nicht in Fahrt, oder ein schon fertiger Film stösst bei den Käufern nicht auf soviel Gegenliebe, wie man sich das erhofft hat. Immer wieder stelle ich aber fest, dass drei, manchmal auch vier Länder an der Finanzierung beteiligt sind.

 

Wie erklären Sie sich das?

Der Dokumentarfilm hat in den letzten Jahren einen unglaublichen Aufschwung erlebt. Ich denke, das hat mit dem kreativen Prozess zu tun, der sich nirgendwo sonst so stark und ungebremst entfaltet. Und weil der Dokumentarfilm oft mit weniger Geld auskommt als die Fiktion, gibt es in der Tonalität und Form eine wunderbare Freiheit. Plötzlich gibt es mehr und mehr solcher Filme auch auf nichtspezialisierten Festivals. Auf der Berlinale sind sie in allen Sektionen zu finden! Aus Sicht der Industrie ist die internationale Koproduktion das Finanzierungsmodell von heute. Jeder chancenreiche Independent-Film beruht inzwischen auf einem systematisch abgestimmten, von mehreren Ländern getragenen Finanzierungsplan. Vor 15 Jahren war das noch nicht der Fall. In der Schweiz gibt es viele Finanzierungsquellen und man kann Filme rein schweizerisch finanzieren.

 

Erschwert das Ihrer Meinung nach die internationale Verbreitung von Schweizer Dokumentarfilmen?

Der Schweizer Dokumentarfilm findet mit einer Begleitung in der Produktionsphase oft ohne Kofinanzierung aus anderen Ländern internationale Präsenz. Aber Projekte, die mit Hilfe von Labs und Märkten entwickelt wurden, sind von Anfang an international sichtbar. Als Schweizer Film am VdR-Pitching teilzunehmen bedeutet auch, sein Projekt schon in der Entwicklungsphase in diesem Netzwerk vorzustellen. Pitchen heisst auch, einen Film auf dem Markt zu präsentieren.

 

▶  Originaltext: Französisch

Madeline Robert

Vor ihrer Berufung zur Leiterin von VdR-Industry war Madeline Robert von 2015 bis 2020 Mitglied des Auswahlgremiums von Visions du Réel und von 2018 bis 2020 Sonderberaterin der künstlerischen Leiterin.2012 war sie an der Entstehung von Doc Corner beteiligt, einer dem Dokumentarfilm gewidmeten Abteilung innerhalb der Verkaufssektion des Filmfestivals von Cannes. Sie war auch während mehrerer Jahre für Africadoc verantwortlich, ein Entwicklungsprogramm für Dokumentarfilme auf dem afrikanischen Kontinent.

 

Gleichzeitig engagierte sie sich zunehmend als Produzentin bei der in Lussas beheimateten Gesellschaft Les Film de la Caravane. Besonders hervorzuheben ist ihre Rolle als Koproduzentin von «Le Village», dem 20teiligen Dokumentarfilm von Claire Simon, sowie deren letztem, 2020 auf dem IDFA gezeigten Spielfilm «Le Fils de l’épicière, le maire, le village et le monde». Neben ihrer Tätigkeit bei der Streaming-Plattform Tënk seit deren Gründung ist sie Mitglied der Commission du fonds de soutien audiovisuel (sélectif) beim CNC sowie Beraterin bei der Kritikerwoche in Venedig. 

Visions du Réel

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