MENU Schliessen

Neue Technologien im Dienst Schweizer Serien

Alexandre Ducommun
11. Juni 2024

Eric Andreae beim Dreh von «Mindblow». © 2024 Pascal Mora

Die sechs Episoden der Serie «Mindblow», die von Shining Film und dem SRF koproduziert wurde, sind seit dem 21. April auf der Plattform Play Suisse verfügbar. Die Serie, die zwischen Komödie und Science-Fiction angesiedelt ist, zeichnet sich durch den Einsatz verschiedener Werkzeuge der künstlichen Intelligenz (KI) aus, Verfahren, die in der Schweizer Filmlandschaft noch selten sind. Ein Treffen mit dem Schöpfer der Serie, Eric Andreae.

In «Mindblow» haben Sie den Hauptdarsteller Dimitri Stapfer mithilfe von künstlicher Intelligenz (KI) verjüngt. Können Sie erklären, wie dieses Verfahren funktioniert?

Die KI wurde tatsächlich für diesen Zweck eingesetzt. Der in der Realität 35-jährige Schauspieler Dimitri Stapfer spielte den 40-jährigen Markus, wofür er nur ein wenig geschminkt werden musste. Für die Szenen, in denen Markus in seinen Zwanzigern dargestellt wurde, verwendeten wir hingegen KI-Technologien, die von verschiedenen Unternehmen wie FaceApp entwickelt wurden. Diese App kann Gesichter erkennen und verschiedene Faktoren verändern, um die Person zu verjüngen, zum Beispiel spezifisch die Haut oder die Gesichtsstruktur. Um die Verjüngung anzuwenden, muss man nur mit einigen Fotogrammen arbeiten, die an jedem Ende der Einstellung aufgenommen werden, die man verändern möchte. Dann berechnet ein spezieller Computer der Postproduktionsfirma «Das Alte Lager», der mit einer Datenbank mit Bildern von Dimitri in verschiedenen Situationen trainiert wurde, den Rest der Einstellung. Nachdem die KI-Verarbeitung auf die Aufnahme angewendet wurde, können die Einstellungen noch angepasst werden, um den Verjüngungseffekt abzuschwächen oder zu verstärken. Fast 400 Einstellungen wurden von Valentin Huber, Mitarbeiter bei «Das Alte Lager» und Verantwortlicher für die Spezialeffekte von «Mindblow», in ständigem Austausch mit der Produzentin der Serie, Sophie Toth, und mir individuell bearbeitet.

 

Sie haben auch einen anderen KI-basierten Prozess, «Deepfake», angewandt, um den Sänger Baschi in der Serie auftreten zu lassen, obwohl er bei den Dreharbeiten nicht anwesend war. Wie ist das möglich?

Das «Deepfake»-Verfahren ist viel komplexer als die Verjüngung und erfordert viel mehr Zeit. Es handelt sich nicht um denselben KI-gesteuerten Prozess, sondern um ein anderes Verfahren des maschinellen Lernens und damit «Deepfake» möglich ist, muss eine grosse Menge an Bildern und Videos der Person gesammelt werden. Je mehr Informationen der Maschine zur Verfügung stehen, desto realistischer ist das Ergebnis. Bei Baschi war dies möglich, da es viel Archivmaterial aus der Zeit gibt, als er 17 Jahre alt war. Die schlechte Qualität dieser Bilder machte den Prozess jedoch schwierig und zeitaufwendig. Es war realistisch, bei «Mindblow» auf «Deepfake» zurückzugreifen, weil die Bildschirmzeit mit Baschi nur dreissig Sekunden beträgt. Andernfalls wären das Verfahren und alle damit verbundenen Anpassungen zu arbeitsintensiv gewesen.

 

Hat der Einsatz neuer Technologien besondere rechtliche Fragen aufgeworfen?

Für den Schauspieler ist es ein bisschen wie das Spielen mit einer Maske, was nicht so schwierig ist. Die Maske ist in diesem Fall eine reale Person. Während der Dreharbeiten musste sichergestellt werden, dass Baschi mit den Handlungen, die ihm zugeschrieben wurden, einverstanden war. Das erfordert, dass man sein Drehbuch gut durchdenkt und einen genauen Überblick über das Ergebnis hat. Der Verjüngungsprozess hingegen bereitet weitaus weniger Probleme. Es ist ein bisschen so, als würde man einen digitalen Anzug oder digitale Schminke tragen, der Schauspieler/die Schauspielerin bleibt er/sie selbst. Nach den Gesprächen mit dem SRF haben wir als einzige spezifische Massnahme einen «Disclaimer» (Haftungsausschluss, Hinweis) am Anfang jeder Episode eingefügt, der das Publikum vor der Verwendung von KI warnt und die Zustimmung der beteiligten Schauspieler/innen betont.


Es gibt einen gewissen Euforie um KI, vor allem in den letzten Jahren, aber auch Vorbehalte und manchmal sogar Ängste. Wie kann man sich diesem Thema in einer Serie nähern?

Meiner Meinung nach ist es sehr wichtig, ein Bewusstsein für die Möglichkeiten zu schaffen, die wir heute haben, wenn wir einen Film machen. In gewisser Weise hatten wir schon immer Zugang zu diesen Mitteln. Das Kino hat es immer geschafft, auf die eine oder andere Weise Illusionen zu erzeugen, sei es durch den Kamerawinkel, die Kulissen oder den Schnitt. Der einzige Unterschied in der heutigen Zeit besteht darin, dass diese Illusion dank neuer Technologien leichter zugänglich und vor allem überzeugender ist als je zuvor. Deshalb ist es umso wichtiger, die Zuschauer und Zuschauerinnen zu warnen und über die zur Verfügung stehenden Mittel zu informieren. Auf diese Weise können sie ihre eigenen Überlegungen zum Thema, zum Realismus der Bilder und zum Wahrheitswert, den sie transportieren, anstellen.

 

Was sind die ersten Reaktionen des Publikums, wenn sie erfahren, dass einige Bilder mit einer KI bearbeitet wurden?

Ich bin sehr zufrieden mit den bisherigen Reaktionen der Zuschauer und Zuschauerinnen. Die Medien haben viel über den Einsatz von KI in «Mindblow» geschrieben und ich wusste natürlich, dass dies ein wichtiges Thema rund um die Serie sein würde. Die häufigsten Reaktionen sind Leute, die mir sagen: «Ich habe gelesen, dass es um künstliche Intelligenz geht, das hätte ich nie erraten!» Ich werte das als Erfolg, denn es zeigt zum einen, dass die Illusion überzeugend ist, und zum anderen, dass das Publikum doch sensibilisiert wird.


Welche Auswirkungen wird die KI Ihrer Meinung nach und vor dem Hintergrund der Erfahrung von «Mindblow» auf zukünftige Produktionen haben? Und welche Grenzen dürfen nicht überschritten werden?

Ich habe vor drei Jahren begonnen, mit KI-gesteuerten Programmen zu arbeiten. Wenn Sie mich damals gefragt hätten, hätte ich mit Sicherheit gesagt, dass das Erzeugen von Emotionen eine Grenze der KI darstellen würde... heute bin ich mir da nicht mehr so sicher (lacht). Die Arbeit mit Schauspielern und Schauspielerinnen, um Emotionen zu erzeugen, ist natürlich unerlässlich. In diesem Sinne bleibt Kreativität für KI-basierte Technologien unerreichbar. Es ist schwer zu sagen, wo ihre Grenzen in der Zukunft liegen werden, aber es ist sehr wahrscheinlich, dass diese Technologien wie heute noch eine lange Zeit Bilder nur auf der Grundlage von Vorinformationen produzieren können und nicht ausgehend von Emotionen oder Absichten. Letztendlich bleibt die KI ein Werkzeug und sollte es meiner Meinung nach auch bleiben. Der Einsatz neuer Technologien muss einen Grund haben, eine Rechtfertigung. Bei «Mindblow» geht es um den Dialog zwischen den beiden Versionen desselben Charakters, und die KI ermöglicht es, diese Beziehung zu intensivieren. Wir hätten auch einen anderen Schauspieler nehmen und ihn schminken können, um die Ähnlichkeit zu betonen, aber dann hätten wir nicht so enge und natürliche Aufnahmen wie mit der KI machen können.

 

Biografie

Eric Andreae wurde 1981 in Zürich geboren. Von 2004 bis 2008 studierte er Filmregie an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK). 2007 feierte der Dokumentarfilm «Chrigu» an der 57. Berlinale Premiere – Andreae war hier für die Dramaturgie zuständig. Ab 2008 arbeitete er als Regisseur, Cutter und Produktionsleiter für Autrags- und Werbefilme. Von 2010 bis 2015 Teilzeit als Unterrichtsassistent in der Studienvertiefung Cast / Audiovisuelle Medien an der ZHdK. 2013 war er als Stipendiat der Drehbuchwerkstatt München an der Hochschule für Fernsehen und Film München. 2016 produzierte Andreae mit Adrian Aeschbacher und B&B EndemolShine die 8-teilige Sitcom «Die Lehrer». Zwischen 2015 und 2018 war er an mehreren Forschungs- und Entwicklungsprojekten in der Fachrichtung Cast / Audiovisual Media beteiligt. Unter anderen am auf drei Jahre angelegten SNF-geförderten Forschungsprojekt «Research Video». Seit 2019 lehrt er als Dozent in der Fachrichtung Cast / Audiovisual Media. Daneben entwickelt, schreibt und realisiert Andreae Serien, Filme und weitere Audiovisuelle Formate fürs Fernsehen, den Online-Bereich und für die Werbebranche. 2024 erschien die 6-teilige SRF TV-Serie «Mindblow», welche Andreae entwickelte, schrieb und für die er die Regie übernahm.

Interessieren Sie sich für den Schweizer Film?

Abonnieren Sie!

Tarife