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Die Freiheit des künstlerischen Schaffens steht auf dem Spiel

Teresa Vena
20. Mai 2024

Sylvain Bourmeau, Tania de Montaigne und Bernard Stirn © Éric Bonté / CNC

Das französische CNC veranstaltete in Cannes eine Podiumsdiskussion, in der es darum ging, wie Kunst und Künstler den sozialen Empfindlichkeiten unserer Zeit begegnen können/sollen.

Der Titel der Gesprächsrunde war «La liberté de création à l'épreuve des sensibilités modernes», wörtlich «Die schöpferische Freiheit auf dem Prüfstand der modernen Sensibilitäten"» Auf dem Podium sass Bernard Stirn, ein französischer Richter, der Ehrensektionspräsident des Conseil d'Etat (Staatrats) und ständiger Sekretär der Académie des sciences morales et politiques ist. Stirn ist eine einflussreiche Persönlichkeit in Frankreich. Nicht minder einflussreich ist die zweite Rednerin, die französische Autorin, Journalistin und Künstlerin Tania de Montaigne. Für die Moderation des Vortrags sorgte der französische Journalist Sylvain Bourmeau von France Culture.

Bevor Tania de Montaigne eine Reihe von Herausforderungen schilderte, mit denen sie in Bezug auf ihre Arbeit und deren gesellschaftliche Wahrnehmung konfrontiert ist, wurde Bernard Stirn gebeten, den rechtlichen Rahmen in Frankreich zum künstlerischen Schaffen zu schildern. Die Frage lautete, ob es gesetzliche Beschränkungen dafür gibt, was und wie ein Künstler sich ausdrücken darf. Stirn erklärte sehr schnell, dass die Freiheit des künstlerischen Ausdrucks in der französischen Gesetzgebung bereits in der Menschen- und Bürgerrechtserklärung von 1789 festgeschrieben wurde. Alle Ergänzungen, die dem Gesetz seither hinzugefügt wurden, sind im Wesentlichen eine Bestätigung dessen und dienen nur dazu, auf neue Kunstformen zu reagieren, die sich im Laufe der Jahrzehnte etabliert haben.

So wurde 1982 die französische Verfassung dahingehend geändert, dass jegliche audiovisuelle Kommunikation und Meinungsäusserung als frei ist. Überraschenderweise wurde 2016 hinzugefügt, dass das gesamte künstlerische Schaffen frei sei. Gemäss Stirn sei dieser jüngste Zusatz ein Symptom für die spätestens seit der Covid-Pandemie sehr intensiv geführten Diskussionen im Rahmen der sogenannten «Wokeness»-Bewegung, das Phänomen einer radikalen Auslegung der politischen Korrektheit.

Tom Hanks soll offenbar gesagt haben, dass er mit seinem heutigen Gewissen die ikonische Hauptrolle in «Philadelphia» (1993) nicht mehr annehmen würde. Schliesslich sei er nicht homosexuell. Mit dieser Anekdote eröffnete der Journalist Sylvain Bourmeau die Debatte. Das ist nichts, was Tania de Montaigne schockieren könnte. Sie erzählte, was geschah, als ihr Roman «Noire» zuerst in einen Comic verwandelt und Teil einer Museumsinstallation wurde. Der Stoff wurde im Übrigen auch zu einem «Virtual-Reality»-Erlebnis umgewandelt und konkurriert im diesjährigen, ersten VR-Wettbewerbs des Festivals von Cannes. Nach dem Erfolg des Romans wurde auch der Comic sehr gut aufgenommen. Er wurde unter anderem an ein Festival im englischsprachigen Kanada eingeladen, erklärt de Montaigne. Die Illustrationen machte eine Zeichnerin mit weisser Hautfarbe, eine Tatsache, die die betreffende Kuratorin des Festivals völlig verwirrte. Sie war der Meinung, dass der Titel «Schwarz» («Black») aus diesem Grund nicht geeignet sei. Menschen mit dunkler Hautfarbe könnten sich unwohl fühlen, wenn eine Person mit weisser Hautfarbe diesen Titel für sich beansprucht. De Montaigne, die selbst eine dunkle Hautfarbe hat, sollte sich dieses Problems bewusst sein, sagte die Kuratorin. De Montaigne wurde aufgefordert, den Titel zu ändern, wozu sie aber nicht bereit war. 

Für die Autorin war dieser Vorfall nur einer von vielen ähnlichen Fällen. Für die Ausstellung, die sie im Zusammenhang mit ihrem Roman machte, wurde sie gebeten, den Anfang ihres Textes, den sie an einer Wand ausgestellt hatte, zu ändern. Die betreffende Museumskuratorin schlug ihr einen völlig neuen Satz vor, der verhindern würde, Menschen mit dunkler Hautfarbe zu verletzen, «vor den Kopf zu stossen». Die Autorin erklärt, dass diese Dynamik ein grosses Ärgernis sei. Menschen, die sich anmassen, die Hüter von Moral und Ordnung zu sein, die «Sprachpolizei» spielen, reproduzieren ganz einfach rassistische Vorstellungen und Verhaltensweisen, auch wenn sie glauben, dass sie ausdrücklich dagegen vorgehen würden. Aber sich anzumassen, zu wissen, was eine ganze Gruppe von Menschen, in diesem Fall Menschen mit dunkler Hautfarbe, als verletzend empfinden könnte, und für sie zu sprechen, ist paternalistisch. Es ist eine Art, Menschen nicht als eigenständige Individuen anzuerkennen, die selbst entscheiden können, was sie mögen, worüber sie sich ärgern oder wofür sie kämpfen wollen. Es wird eine (rassistische) Kategorisierung aufrechterhalten und damit ein Dialog auf Augenhöhe unmöglich gemacht.

De Montaigne ist der Meinung, und sie wird von Stirn unterstützt, dass das, was wir in unserer heutigen Gesellschaft erleben, an sich nichts Neues sei. Diese Proteste gegen künstlerische Werke hat es immer gegeben; stattdessen sind die Organe und Gruppen, die bisher an ihrem Ursprung standen, wie zum Beispiel die Kirche, weniger definiert, weniger greifbar. Es handelt sich um eine «Demokratisierung» der sozialen Empörung. Für de Montaigne ist es klar, dass diese öffentlichen Proteste nur oberflächlich sind und nie der grösseren Sache dienen. Sie zeigen nicht einmal Interesse daran, die strukturellen Probleme rassistischer Prozesse und Verurteilungen auf den Punkt zu bringen. Stirn bestätigt, dass er beobachtet, dass die Diskussionen heftig, gewalttätig sind; es gibt physische, intellektuelle und moralische Gewalt. Jeder schaut nach innen, konzentriert sich auf seine eigene Identität, was einen konstruktiven Dialog behindert.

De Montaigne fügte hinzu, dass die Gesellschaft sich das Recht nehme, zu entscheiden, wer für wen sprechen dürfe. So dürfen beispielsweise Menschen mit weisser Hautfarbe nicht über Themen sprechen, die Menschen mit dunkler Hautfarbe betreffen. Um Tom Hanks' Logik zu folgen, dürfen Heterosexuelle nicht über Themen sprechen, die Homosexuelle betreffen. Und genau das ist die Definition von Diskriminierung. Aber die Freiheit des künstlerischen Schaffens besagt, dass ein Künstler über alles sprechen kann, was ihn interessiert. Und man sollte eines nicht vergessen, sagt de Montaigne: Wir alle haben auch die grösste Freiheit zu wählen, welches Kunstwerk wir konsumieren wollen und welches wir meiden oder ignorieren.

 

Preis für das beste «Immersive Werk»

Tania de Montaigne hat für «Noire» den Preis für die beste virtuelle Arbeit gewonnen. Damit ist sie die erste Preisträgerin des Wettbewerbs, den das Festival in Cannes dieses Jahr zum ersten Mal ausgerichtet hat.

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