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Editorial

Vorhang auf für das Unvergessliche

 

Ausserhalb von Cinematheken, Festivals und anderen Spezialveranstaltungen werden Freunde von Kino-Klassikern in den seltensten Fällen fündig. Trotz des Aufschwungs der Plattformen gibt es online zu wenig Inhalte. Nach ein paar Klicks zeigt sich regelmässig: Wer sich das gesamte Werk seines Lieblingsregisseurs oder seiner Lieblingsregisseurin anschauen will, wird im Internet eher frustriert. Auch für Fachleute, die das filmische Kulturerbe zugänglich machen wollen, ist die Aufgabe beschwerlich. Laut Markus Duffner, Leiter von Locarno Pro und Gründer von Heritage Online, liegt die Hauptschwierigkeit im Ausfindigmachen der Anspruchsberechtigten: Mit wachsendem zeitlichen Abstand wird es immer schwieriger (siehe auch das Interview auf Seite 16).

Eine weitere Chance, unsere Filmgeschichte neu ans Publikum zu bringen, liegt in der freien Zirkulation von Informationen innerhalb der Branche, und zwar auf internationaler Ebene. Alle sollten die Möglichkeit haben, hier initiativ zu werden. Die 2020 von Markus Duffner eingerichtete Datenbank ist dafür ein gutes Beispiel: Die Bereitstellung zuverlässiger Daten ist für alle an einer Produktion Beteiligten enorm wichtig. Mit «Les derniers passe­mentiers» von Yves Yersin und «Das geschriebene Gesicht» von Daniel Schmid präsentiert das Festival in diesem Jahr zwei aktuelle Restaurierungen der Cinémathèque suisse. Das anschliessende Verbreiten dieser digitalen Versionen – vermittelt von Heritage Online – könnte diesen Werken im Katalog eines weltweiten Vertriebsnetzes ein zweites Leben bescheren. Bleibt zu hoffen, dass die Begeisterung für die Plattform sich fortsetzt: ein solches Projekt bedarf breiter Unterstützung, wenn es Wert und Bestand haben soll.

Im vergangenen Jahr veranstaltete das Locarno Festival einen runden Tisch zur Verbreitung von Klassikern, an dem auch mehrere Vertreter von Archivzentren teilnahmen. Anlässlich ihres 75. Jubiläums planen die Tessiner eine Fortsetzung der Diskussion mit internationalen Verkäufern und Verleihern. Eine gute Art, daran zu erinnern, dass das heutige Kino ohne seine Geschichte nicht viel wert ist. Überdies machen diverse Verbände und Institutionen einen Reifungsprozess durch, gerade auch Locarno, dessen Festival-Trailer zugleich melancholisch auf die Vergangenheit anspielt und die Zukunft ins Auge fasst. Auch andere Jubiläen fallen auf in diesem Jahr: Cinéforom wurde zehn Jahre alt, Filmcoopi fünfzig, und Filmbulletin brachte seine 400. Ausgabe heraus. Während deren Geschichte so schnell vergeht wie unser Leben, sollten wir vor allem jene geniessen, die sich gerade vor unseren Augen abspielt. 

 

Adrien Kuenzy, Redaktor Romandie

 

Originaltext Französisch

 

 

 

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