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Editorial

Das Kino muss immer wieder neu erfunden werden

 

«Seit ein paar Jahren sieht es so aus, als würde das klassische Kino untergehen. (...) Ursprünglich war das Filmemachen gleichbedeutend mit Kinomachen. Aber seit fast 40 Jahren erleben wir, dass sich der Film vom Kino trennt. Die Möglichkeit, Filme online zu verbreiten, wurde während der Corona-Zeit so exzessiv ausgebaut, dass wir nicht mehr mit einer Erholung des Kinomarktes rechnen können.»

Das schreibt der deutsche Filmemacher Edgar Reitz in einem Essay für die deutsche Wochenzeitung Die Zeit (vom 4. Juni). Er glaubt sogar, dass die grossen Kinofestivals wegen der Erstarkung der Streaming-Unternehmen in Erklärungsnot geraten werden. «Warum sollten nicht alle Festivals (…) in Zukunft nur noch online stattfinden?» Natürlich ist das beim Cinéphilen Reitz eine rhetorische Frage. Dennoch ist er davon überzeugt, dass die «grosse Krise, die sich über dem Kino zusammenbraut», eine Neuerfindung des Kinos notwendig macht. Zu seinen Vorschlägen gehören die Erforschung zukünftiger Formen des Kinobetriebs, innovative Veranstaltungsformate,   Kooperationsformen mit den Internetanbietern oder neue architektonische Ideen und Raumkonzepte für den Kinobau. Es sind Empfehlungen eines Kinoliebhabers, der glaubt, dass wir erst im  geschützten Offline-Raum und im Kunsterlebnis des Kinos wieder einmalige Individuen werden.

Auch Anaïs Emery und Lili Hinstin sind gezwungen, sich mit solchen Fragen auseinanderzusetzen. Indem die beiden künstlerischen Direktorinnen des Nifff und von Locarno Online-Ausgaben ihrer Festivals bereitstellen, eignen sie sich nebenbei nicht nur neue Kompetenzen als Online-Kuratorinnen sowie im rechtlichen Bereich des Streaming an. Sie müssen sich jetzt schon fragen, welche Angebote allenfalls in der Post-Covid-Zeit Bestand haben könnten.

Über Vor- und Nachteile eines Online-Festivals haben sich auch Doris Senn und Mischa Schiwow Gedanken gemacht. In ihren Gastkommentaren für Cinébulletin  schreiben die Filmjournalistin und der Leiter einer Filmpromotionsagentur über ihre zwiespältigen Erfahrungen mit der Online-Edition, die Visions du Réel als Ersatz für das reguläre Festival bereitgestellt hat.

Derweil gehen die Schweizer Kinos die Öffnung ganz pragmatisch an – mit Desinfektionsspendern, Markierungen am Boden und den üblichen Distanz­regeln. Auch anderswo findet eine Rückkehr zur – prekär gewordenen – Normalität statt. Was das für die Dreharbeiten von Spielfilmen und Serien bedeutet, die ab Juli wieder aufgenommen werden, erfahren Sie in unserem Beitrag über das neue Schutzkonzept.

Im übrigen: Geniessen Sie Ihren Kinobesuch! Distanzregeln und andere Umständlichkeiten gehen im Dunkeln schnell vergessen.

Kathrin Halter

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