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Gastkommentar

Filmrelease per Streaming oder nur im Kino?

Meret Ruggle und Pascal Trächslin
11. Mai 2020

Angebot auf der Schweizer Streamingplattform filmingo

Die Schliessung der Kinos zwingt die Verleiher, Filme anders zu lancieren, zum Beispiel auf Streaming-Portalen. Meret Ruggle ist dafür, Pascal Trächslin dagegen.

Kino steht für mich für die geteilte Vorfreude bei der Filmwahl, fürs gemeinsame Mitfiebern im Saal, das kollektive Tränenverdrücken, wenn's emotional wird. Doch das war vor Social Distancing. Nach den Kinoschliessungen fragten sich die Verleiher: Was machen wir mit den neuen Filmen? Abwarten und die Kinos im Herbst überfüllen?

Trigon-Film betreibt seit 2013 eine Streamingplattform. Für uns war rasch klar: Wir verlagern den Start von «You Will Die at 20» auf filmingo. Der Film gewann den Hauptpreis am FiFF und stiess als einer der ersten ­Streaming-Starts zu Zeiten des Lockdown auf grosses mediales Interesse. Die Folge: Sehr hohe Visibilität, ausgelasteter Server. Für uns als Filmverlag ist und bleibt die Kinoleinwand der ideale Ort für Filme, die sich übers Bild entfalten. Die Publikumszahl ist grösser, die Einnahmen sind höher, was den Kinostart attraktiver macht. Rechtliche Einschränkungen oder Verpflichtungen von Förderstellen können einen VoD-Start erschweren.

Dazu kommt: Filme leben von Interaktion. Ein Kinostart bietet immer auch die Möglichkeit, Filmschaffende mit dem Publikum ins Gespräch zu bringen. Nur: Ist das klassische Kinofenster noch zeitgemäss? Was passiert mit einem Film, der bereits online verfügbar ist oder war? Hat er noch Chancen auf Leinwände? Die Antworten werden sich zeigen. Klar ist, dass fragilere Arthouse-Filme im kommenden Kinoherbst einen schweren Stand haben werden, wenn es zur Öffnung mit dem erwarteten Überangebot kommt.

Die Corona-Pandemie hat uns in die Zukunft katapultiert und vorweggenommen, was sich bereits abgezeichnet hat: Streaming ist für die Filmauswertung ein Teil der Zukunft, so wie VHS heute ein Teil der Vergangenheit ist. Aber das Kino als Begegnungsort ist und bleibt mit der Grossleinwand für unsere Filme elementar. Gut möglich, dass ­Streaming und Kino einander näherkommen. Unser Anliegen als unabhängiger Filmverlag ist und bleibt es, dass unsere Filme gesehen werden. Wo, wann und wie dies geschieht, muss schlussendlich das Publikum entscheiden.

Meret Ruggle, Direktorin Trigon-Film 

▶  Originaltext: Deutsch

 

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Mit der Schliessung der Kinos am 17. März sind nicht nur unsere Filme von den Leinwänden verschwunden, wir waren auch gezwungen, die geplanten Kinostarts bis auf Weiteres zu verschieben. Filme nun aber alternativ direkt auf VoD zu lancieren, kommt für uns weder aus filmkultureller noch aus ökonomischer Sicht in Frage. VoD ist aktuell nur für Blockbusters und Serien ein interessantes Geschäftsmodell. Arthouse-Filme feiern auf VoD bis auf wenige Ausnahmen ein Nischendasein und erzielen in der Schweiz bescheidene Umsätze. Auch während des Lockdowns haben sich diese nur marginal verbessert.

Wir verdienen unser Geld primär im Kino und stellen unser Programm für eine Kinoauswertung zusammen. Unsere Filme sind anspruchsvoller, innovativer, sperriger und weniger populär als die überwiegende Mehrheit der unüberblickbaren Masse, die direkt über die unzähligen Streaming-Plattform auf den Markt geworfen werden. Dramaturgisch unterliegen sie oftmals anderen Gesetzen als direkt für VoD-Plattformen produzier­­te Filme. Zuschauer müssen nicht in den allerersten Minuten überzeugt werden,
bis zum Ende dranzu­bleiben. Das Arthouse-Kinopublikum ist geduldiger und tickt anders als die durchschnittliche Streaming­kundschaft, wenn diese im heimischen Wohnzimmer nach einem Arbeitstag auf einer Plattform nach Zerstreuung sucht und sich von Algorithmen verführen lässt.

Es entscheidet sich be­­wuss­­ter und bringt eine grössere Bereitschaft mit, sich – dank unserer Vermittlungsarbeit und der Schaufensterfunktion der Kinos – auf Unbekanntes einzulassen. Während die grossen internationalen und nationalen VoD-Plattformen den Arthouse-Film stiefmütterlich behandeln, leben unsere Partnerkinos von ihnen. Wir kämpfen solidarisch für eine vielfältige Filmkultur. Zudem kann das beste Heimkinosystem die Erfahrung, sich in einem dunklen Saal mit Fremden auf eine gemeinsame Reise zu begeben, nicht ersetzen. Gerade in Zeiten von Corona wird uns schmerzlich bewusst, wie wichtig solche Erlebnisse sind. Die Lust auf Kino scheint zum Glück ungebrochen, wenn man aktuelle Umfragen aus China, Deutschland und den USA anschaut: Eine überwiegende Mehrheit der Menschen will nach dem Ende des Lockdowns wieder ins Kino. So werden wir auch in Zukunft unsere Filme im Kino starten, denn nur so bekommen sie eine faire Chance, ein Publikum zu finden.

Pascal Trächslin, Geschäftsführer Cineworx

 

▶  Originaltext: Deutsch

 

 

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