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Gastkommentar

Die DVD muss gerettet werden

Frédéric Hausammann
18. Februar 2020

Les Videos, das Fachgeschäft in Zürich, lebt noch

Das letzte Fachgeschäft in Lausanne schliesst im März seine Türen, und das Publikum wendet sich vermehrt Streaming-Angeboten zu. Wozu braucht es also noch DVDs?

Ist Ihnen aufgefallen, wie emotional wir werden, wenn es um Technologie geht? Man könnte meinen, unsere Identität stünde auf dem Spiel. Mac oder PC? Avid oder Premiere? Die Konflikte sind vorprogrammiert. Auch Sie haben sicher bemerkt, wie festgefahren solche Diskussionen sind. Wie wenn wir die Fans einer gegnerischen Mannschaft davon überzeugen wollten,  unser Team zu unterstützen. Na dann viel Glück!

Anders als beim Sport können wir beim technischen Fortschritt die Nützlichkeit hinterfragen, vor allem in Bezug auf die persönliche Autonomie: Erhöht oder verringert eine neue Errungenschaft meine Autonomie? Nach der aktuellen Begeisterung für Streaming-Angebote zu schliessen scheinen zahlreiche Kunden zu glauben, diese steigerten ihre Autonomie. Auch ich habe mir vor Kurzem eine TV-Box installiert. Doch ist es unserer Autonomie, unseren Wahlmöglichkeiten und unserer Freiheit wirklich zuträglich, wenn Algorithmen eine Vorauswahl der Filme und Serien treffen, die wir uns anschauen? Sollten wir nicht besser einem Menschen vertrauen, der auf seinem Sender oder in seinem Kinosaal Werke zeigt, die er für interessant befindet? Oder einer guten alten DVD, die wir aus dem Regal ziehen? Ganz abgesehen davon, dass Sie beim Streaming auf nichts mehr zugreifen können, sobald Sie Ihr Abonnement kündigen.

 

Die DVD macht autonomer

Eine neue Technik mit einer älteren zu vergleichen ist eine heikle Sache, denn das Vergleichsobjekt ist stets emotional behaftet. Veraltetes wie VHS oder Mini-Disc gelten als total überholt; Prestigeobjekte wie Bücher oder Vinyl-Schallplatten hingegen werden für ihre Verlässlichkeit gerühmt. Nun da die Zukunft der DVD durch die «Entmaterialisierung» auf dem Spiel steht, möchte ich erörtern, ob und wie die DVD den Filmproduzentinnen und -produzenten sowie dem Publikum zu mehr Autonomie verhilft – und bediene mich dazu einiger Vergleiche.

Die DVD ist vergleichbar mit einem Buch, das man verschenken, tauschen, ausleihen und in einer privaten, öffentlichen oder Schul­bibliothek aufbewahren kann. DVDs können in Buchhandlungen, Plattenläden, Quartierläden, am Kiosk oder sogar auf der Strasse verkauft werden. Auch in Antiquariaten findet man sie zu Spottpreisen. Haben Sie eine DVD einmal gekauft, gehört sie Ihnen: Sie müssen nicht für jedes Anschauen bezahlen, und sie verschwindet nicht. Die DVD hat auch etwas von einer CD, denn sie basiert auf einer ähnlichen Technik: ein optischer Datenträger, der mittels Laser gelesen wird. Bei korrekter Aufbewahrung ist eine CD sehr langlebig. Eine meiner ersten CDs, «Seventeen Seconds» von The Cure, läuft bis heute, obwohl sie noch in der alten BRD gepresst worden ist. Schliesslich gleicht die DVD auch der Vinyl-Schallplatte, denn wie das zeremonielle Aufsetzen der Nadel auf die Schallplatte muss auch die DVD von Hand eingelegt werden, bevor der Film losgeht. Zudem können Sie sich eine DVD auch dann anschauen, wenn man Ihnen die Internetverbindung abgestellt hat.

Heutzutage reichen die Verkaufserlöse selten aus, um die Herstellungskosten einer DVD zu decken. Man muss mehrere tausend Franken investieren und verkauft selbst bei Kino­erfolgen vielleicht ein paar hundert Exemplare. Sollte diese Technik nicht finanziell unterstützt werden, damit sie uns in unseren Bibliotheken als Datenträger für unser Kulturerbe erhalten bleibt und Schweizer Filme auch ohne stromfressende Server angeschaut werden können?

Frédéric Hausammann, Regisseur

 

▶  Originaltext: Französisch

Das Karloff verabschiedet sich

Das letzte unabhängige DVD-Geschäft der Westschweiz schliesst im März seine Türen. Grund dafür sind das veränderte Konsumverhalten und die technische Entwicklung. Das 1998 eröffnete Karloff war der erste Laden in der Westschweiz, der DVDs verkaufte und vermietete. Nach jahrelangem, kontinuierlichem Umsatzrückgang wurde die Situation im vergangenen Jahr unhaltbar, als die Verkaufszahlen schlagartig um 15 % sanken – laut dem Inhaber als Folge der Streaming-Angebote. Auch die Grossverteiler haben ihr DVD-Angebot reduziert oder eingestellt. DVDs überleben heute vor allem noch im Bereich der identitätsstiftenden Werke. So erzielte die Cinémathèque gute Verkaufserfolge mit  DVD-Boxen über die Fête des Vignerons und «Lausanne – Des Lumière à Godard 1896-1982». Für Thierry Spicher vom Filmverleih Outside The Box ist die DVD ein wichtiges Kommunikationsmittel an Märkten und Festivals – sie geht nicht so leicht verloren wie ein Link. (Pascaline Sordet)

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