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Editorial

Leere Taschen

 

Wenn das breite Publikum an die Filmwelt denkt, stellt es sich Glitzer, Glamour und Champagner vor – beim Schweizer Film fallen ihm vielleicht öffentliche Fördergelder, Komfort oder linke Kunst ein. Auf keinen Fall denkt es an Working Poor, die kaum über die Runden kommen und kein Krankentaggeld, keine bezahlten Ferien oder Mutterschaftsurlaub haben, an Projekte, die stillstehen, weil die Kinder krank sind oder an Arbeitslosengelder, die Lücken füllen.

Bei einer Zeitschrift wie Cinébulletin, bei den Ämtern in Bern und in den Institutionen sind die Angestellten bezahlt. Sie erhalten einen Lohn, der in Relation zu ihrem Arbeitspensum steht und sind Teil einer Kreativindustrie, von der sie leben. Ohne ihren Nutzen in Frage stellen zu wollen, kann man sich doch überlegen, was würden diese – würde auch ich – ohne das Filmschaffen tun? Gar nichts. Filme existieren nur, weil andere sie dank ihrer Willenskraft entstehen lassen, und zwar, wie die kürzlich veröffentlichte Studie des ARF/FDS zeigt, für einen lächerlich niedrigen Lohn: zwischen 3ʼ000 und 4ʼ200 CHF brutto pro Monat.

Stellen Sie sich dagegen eine Welt vor, in der Autorinnen und Autoren ein Drehbuch, das abgelehnt wurde, nicht überarbeiten, weil das Budget aufgebraucht ist. Eine Welt, in der Regisseurinnen und Regisseure ihre Filme nicht fertigstellen, weil der Schnitt länger dauert als vorgesehen. In der Filmschaffende keine Filmpromotion machen, weil diese Arbeit nicht bezahlt ist. In einer solchen Welt hätten die Filmschaffenden einen angemessenen Verdienst, ohne die eigene Zeit oder ihr eigenes Geld  in ihre Filme investieren zu müssen. Doch ich bin mir nicht sicher, ob wir so wirklich glücklicher wären.

Ivo Kummer betonte in Solothurn, er sei nicht überrascht von den Zahlen des ARF/FDS – über deren statistischen Wert und Methodologie man sich gewiss streiten kann, da sie auf der persönlichen Einschätzung der Befragten basieren. Trotzdem ist es erschreckend, diese Zahlen schwarz auf weiss zu sehen. Es wird oft über die notwendige Professionalisierung im Schweizer Film gesprochen. Bisher ging es dabei in erster Linie um die Produktionsfirmen und die Beziehung zwischen Produzentinnen/Produzenten und Regie. Nicht um Kleinstbetriebe, die sich mehr schlecht als recht über Wasser halten und deren Produktionsmethoden zu wenig professionell fürs Überleben sind. Auch nicht um die wenigen Firmen, die dafür besser aufgestellt sind und kontinuierlich produzieren können, sodass sie Produktionsleiterinnen und -leiter, -assistentinnen und assistenten ganzjährig anstellen und bezahlen können. Eine 2018 in der Westschweiz durchgeführte Studie zeigte, dass dazu nur wenige Firmen in der Lage sind.

Aber kann man wirklich davon ausgehen, dass Kreative, deren Lohn (im Durchschnitt) unter der Armutsgrenze liegt, professionelle Filme schaffen können? Und darf man Autorinnen und Autoren, die einen Nebenjob brauchen, um zu überleben, im ökonomischen Sinn als professionelle Filmschaffende bezeichnen?

Da Filme im Kino selten viel Geld einbringen, kann man die Frage der Löhne nicht einfach mit dem Erfolg der Filme verknüpfen. Und da im Schweizer Filmschaffen offensichtlich niemand reich wird, ist wohl schlicht zu wenig Geld vorhanden. Es gibt zwei Lösungen: das Gesamtbudget erhöhen (wie es die SRG mit der Neufassung des Pacte getan hat) oder weniger Filme machen. Eines ist sicher: Die Lust am Filmemachen hat nichts mit Rentabilitätsüberlegungen zu tun. Das wissen alle Künstler, sonst wären sie Banker geworden.

Pascaline Sordet

 

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