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Editorial

Im Streaming-Rausch


38 Franken. Zwei Streaming-Abonnements und zwei einzeln gemietete Filme. So viel habe ich im Oktober ausgegeben, um mir audiovisuelle Produktionen anzusehen – weit mehr als der Schweizer Durchschnitt. Laut Bundesamt für Statistik geben Schweizer Haushalte einen ziemlich grossen Teil, nämlich 5,6 % ihres Einkommens für Freizeit und Kultur aus. 82 Franken pro Monat werden im Schnitt für «Theater, Konzerte, Kinos, Museen, Radio- und Fernsehgebühren» aufgewendet, wobei dieser Betrag auch Musik- und Videostreaming sowie gedruckte und digitale Zeitungsabonnements umfasst. 

Globalisierte Plattformen und ein sich zunehmend konzentrierendes Angebot erschweren neuen Akteuren den Einstieg in den hart umkämpften Streaming-Markt. Dies scheint die neue Zürcher Streaming-Plattform Cinefile.ch nicht zu beunruhigen. Sie hebt sich vor allem dadurch ab, dass sie Kinoprogramm, Filmkritiken und Streaming auf einer einzigen Plattform anbietet. Der momentan noch kostenlose Dienst verdient vorerst Geld mit der Vermietung von Filmen. In dieser Hinsicht unterscheidet er sich nicht von bestehenden unabhängigen Anbietern wie LeKino.ch oder artfilm.ch. All diese Dienste konkurrieren auf dem inländischen Markt mit den Plattformen der TV-Anbieter wie Swisscom TV oder Sunrise Smart TV, die über eine ungleich höhere Marktmacht ver­fügen. Kurz gesagt: Eine Streaming-Plattform zu finanzieren ist eine schwierige Aufgabe. 

In den kommenden Jahren wird der Wettbewerb sich noch verschärfen. Die SRG kündigte nach der No-Billag-Ini­tiative unter anderem die Schaffung einer digitalen Plattform an, auf der all ihre Produktionen angeboten werden sollen: «Es geht darum, eine Art Netflix des Service Public zu entwickeln und alle Programme in allen Sprachen mit Untertiteln anzubieten. Die Inhalte sollen dabei nicht nach Region oder Sprache ­sortiert werden, sondern nach Sparte und Thematik», erklärte Gilles Marchand im September. Da das Fernsehen als Ko­produ­zent für unabhängige Produktionen praktisch unumgänglich ist, könnten viele Schweizer Filme auf dieser Plattform landen und sich so die Vermarktung von Schweizer Produktionen auf unabhängigen Plattformen noch schwieriger gestalten. 

Auch auf internationaler Ebene ist der Markt noch nicht ausgereift, und 2019 stehen grosse Veränderungen bevor. Der Streaming-Gigant Netflix hat sich hoch verschuldet, um in allen Teilen der Welt zu investieren. So will er mehr Abonnenten ausserhalb der USA gewinnen, um finanziell das Gleich­gewicht zu halten. Daneben gibt es andere, nicht unbedeutende Dienste wie Amazon, doch der Markt wird vor allem von einem mächtigen Herausforderer aufgemischt werden: Disney. Zeichentrickfilme von Disney und Pixar, das Star-Wars-Universum, Filme von Fox und National Geographic, Disney Channel, Marvel – der Disney-Katalog hat das Zeug, um Abonnenten anzuziehen und Netflix stark unter Druck zu setzen. 

Weshalb also nationale Plattformen lancieren? Mit welchem Geld, und für welches Publikum? Können solche Plattformen überhaupt rentabel sein, oder müssen sie aus ­kulturellen Gründen subventioniert werden? Die Konsumenten werden nicht Dutzende von Franken ausgeben, um mehrere Dienste gleichzeitig zu abonnieren. Auch wenn der ­Goldrausch mitreissend ist, so werden doch einige auf der Strecke bleiben. 

 Pascaline Sordet

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