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Editorial

Die Polemik um Fernand Melgar

Zwei Bilder schwarzer junger Männer, die an einer Strassenecke der Rue Maupas bei einer Parkuhr stehen. Diese Fotos, von Fernand Melgar am 28. Mai auf einem sozialen Netzwerk veröffentlicht, haben zu einer öffentlichen Polemik geführt, die er selber ausgelöst hat, um auf die Untätigkeit der Behörden in Sachen Drogenhandel hinzuweisen. Wenn sich Melgar als Bürger in einer Kampagne einsetzt, ist das seine Sache, auch wenn sich die Linke, der er nahesteht, über seine Wortwahl wundert. Doch es stellen sich Fragen zur Form, die der Dokumentar­filmer gewählt hat. Ein offener Brief von über 200 Filmstudenten, Film- und Kulturschaffenden in Le Temps am 8. Juni kritisiert, er verwende «inakzeptable Methoden, die jeder dokumentarischen Ethik zuwiderlaufen […], mit denen er auf den Drogenhandel aufmerksam machen will».

Der Protest der Studierenden hat den Filmemacher bewogen, auf seinen für den Herbst vorgesehenen Lehrauftrag an der HEAD zu verzichten, obwohl er formell nicht ausgeladen wurde.

Die beiden Aufnahmen, die Melgar publiziert hat, waren folgendermassen kommentiert: «Wie in all meinen Filmen, ist es mein Geschäft, mit offenem Visier gegen alles zu kämpfen, was mich stört, auch wenn ich mir damit keine Freunde mache. Ich hätte gern Bilder aufgenommen, wie sie Jugendliche ansprechen, doch einige von ihnen haben mich verfolgt und ich konnte gerade noch entkommen. Mein Quartier ist ein rechtsfreier Raum unter ihrer Kontrolle.»

Melgar stützt sich auf seine Redlichkeit und Berufserfahrung, wenn er insinuiert, diese Leute seien Dealer (das ist wahrscheinlich, aber nicht bewiesen), dass sie Drogen an Minderjährige verkaufen (er selber sagt, er habe es nicht beobachten können), und sie seien gefährlich (zumindest für ihn selber). Der Filmemacher meint also, es sei zulässig, Leute wegen vermuteter illegaler Aktivitäten an den Pranger zu stellen. Gewiss dürfen Journalisten in der Schweiz auf öffentlichem Grund fotografieren, solange die abgebildeten Personen nicht Gegenstand des Bildes sind. Geht es aber um sie, wie hier, so braucht es deren Einwilligung.

Im offenen Brief geht es genau um diesen Punkt. «Diese polizeimässige Verwendung von Bildern, die eher den Methoden eines Spitzels denn jener eines Dokumentarfilmers entspricht, gefährdet eine verwundbare Gruppe von Menschen […], und damit verabschieden Sie sich von jedem Berufs­ethos eines verantwortlichen Filmemachers gegenüber den Individuen auf seinen Bildern.» Die gereizte Antwort des Filme­machers geht darauf gar nicht ein und begnügt sich, einzuräumen, er habe diese Bilder «im Büro mit klopfendem Herzen aufgenommen, ohne lange zu überlegen», dann ins Netz gestellt und sich mit den Teilenden und Likenden beschäftigt, als ob der Effekt die Mittel rechtfertigten könnte.

Ein Filmemacher darf sich nicht über Grundregeln des Schweizer Rechts und der Berufsethik hinwegsetzen und «ohne zu überlegen» operieren. Wer sich mit wichtigen Filmen einen Namen gemacht hat, muss sich bewusst sein, dass sein Handeln und seine Methoden ein besonderes Gewicht haben. Nachdem er bereitwillig dabei mitgemacht hatte, durfte ihn das breite (Westschweizer) Medienecho nicht wirklich überraschen: Melgar hat sich bei dieser Sache mit seinem Berufs­ethos engagiert und kann nun nicht einfach sagen, er habe als besorgter Vater gehandelt. Die heftigen Reaktionen aus dem Film­milieu, wie man sie öffentlich sonst selten zu hören bekommt, erinnern uns daran: Der Citoyen und sein Beruf ­lassen sich nicht vonein­ander trennen, Mensch und Werk kaum aus­einanderhalten.


Pascaline Sordet

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