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Editorial

#StayHomeWatchMovies

 

Gerade macht ein neuer Begriff die Runde: Internet-Festival. Reihum müssen Filmfestivals, die diesen Frühling hätten stattfinden sollen, wegen des Corona-Lockdowns absagen – und alle suchen sie hektisch nach Alternativen. Naheliegend, dass diese Ersatzlösungen alle aus dem Internet kommen.

Auch Visions du Réel, in der analogen Welt von Nyon vom 24. April bis am 2. Mai vorgesehen, versucht in diesen Tagen eine Online-Ausgabe zu stemmen. Die Organisatorinnen sind nicht um ihre Arbeit zu beneiden. Erstens möchte man, so Direktorin Emilie Bujès, die Wettbewerbe von Nyon so vollständig wie möglich auf Streaming-Portalen anbieten. Auf FestivalScope sollen – während einer limitierten Zeit und für eine beschränkte Anzahl Zuschauer – Teile des Internationalen Wettbewerbs zu sehen sein; auf der Website von RTS Teile des nationalen Wettbewerbs (siehe dazu auch unsere Doppelseite in der Mitte des Hefts). Die Jury wird ihre Arbeit auf alle Fälle aufnehmen, auch die Preise sollen vergeben werden – das ist besonders für die Filmeschaffenden wichtig.

Auch für den Industry-Bereich sucht Nyon Abhilfe im Web: Mit Hilfe von Programmen wie Zoom sollen Anlässe wie das öffentliche Pitching live übertragen werden – Formen der Übertragung und Austragung also, die, so Emilie Bujès, gerade von internationalen Festivals von Tessaloniki über Zagreb bis Kopenhagen getestet werden. Es könnte sein, dass ein Teil davon nach Corona Bestand haben wird.

Wie gut die Angebote in der Branche ankommen, wird sich zeigen. Natürlich ist ein Festival aus dem Internet schon fast ein Widerspruch in sich: das Gemeinschaftserlebnis im Kino fehlt ebenso wie die vielen persönlichen Kontakte, die Festivals mit ausmachen. Zudem warten manche Produzenten und Verleiher lieber auf Herbst oder Winter, wenn, so hofft man, die Kinos (und somit die Festivalkonkurrenz) ihren Betrieb wieder aufgenommen haben.

Auch Verleiher suchen in diesen Tagen nach Ersatzlösungen im Netz – und erproben neue Formen der Distribution, wenn gerade erst im Kino lancierte Filme online angeboten werden. Man holt das Publikum eben dort ab, wo es gerade ist: zuhause. Mittlerweile sind es die Kinobetriebe selbst, die mit Streaming-Portalen zusammenarbeiten:

Riffraff On Demand oder Houdini On Demand heissen erste Angebote auf cinefile, während die Basler Kultkinos ausgewählte Filme auf dem eigenen Streamingportal myfilm.ch anbieten (ein weiterer Player im kleinen und umkämpften Arthaus-Segment ist filmingo).

Es könnte sein, dass sich nach der Corona-Krise ein paar Gewissheiten verändert haben. Denkbar ist, dass die Zusammenarbeit von Kinos und Verleihern mit den Portalen auch nach dem Lockdown enger wird – und das Zeitfenster von sechs Monaten zwischen Kino-Release und Video-on-­Demand nicht mehr so sakrosankt ist wie auch schon. Schön jedenfalls, wenn sich Zuschauer daran gewöhnen, vermehrt auch kleinere Arthaus-Filme online anschauen. Und wenn in der Branche etwas von der Bereitschaft überlebt, zusammenzuspielen. Auch wenn wir uns jetzt schon jetzt danach sehnen, dass die Kinos wieder öffnen.

Vorerst aber hinterlässt die Corona-Epidemie viele Geschädigte; für Selbstständigerwerbende und Kreative sind die wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen gravierend. Davon wird die nächste Ausgabe von Cinébulletin handeln. Bis dann sollte auch klar sein, welche Abhilfe der Bund zu leisten bereit ist. Inzwischen informieren wir darüber auf unserer Website.

Kathrin Halter

Aktuelle Ausgabe (PDF)