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Gastkommentar

Die digitalen Möglichkeiten werden nicht ausgeschöpft

Ulrich Fischer, Experte für interaktive Medien, Gründer von Memoways
27. September 2018

Ulrich Fischer

Das Kino brauchte mehr als 20 Jahre, um seinen Platz am Himmel der Künste einzunehmen, indem es seine technischen Voraussetzungen mit ebenso kraftvollen wie vielversprechenden, auf der Kunst der Montage beruhenden Erzählformen verband. Im Lauf der ersten, reichlich verrückten Jahre mussten die Filmschaffenden sich von Reflexen, Rezepten und Verfahren lösen, wie sie in der Malerei, der Fotografie und dem Theater vorherrschten. Nach einer Phase des Belächeltwerdens durch die besseren Kreise wurde das Kino zu einer allseits gefürchteten Geld- und Emotionsmaschine. Heute ist es das Kino selbst, das mit Unverständnis oder sogar einer gewissen Verachtung auf die neuartigen Erfahrungen mit Bewegtbildern im Netz herabschaut.

Dabei kann es nicht genügen, das eine am anderen zu messen, etwa indem man das Schrumpfen der Bildschirmgrösse beweint, es geht darum, die Frage nach den Möglichkeiten dieses neuen, datenbasierten Mediums zu stellen. Es als Ergänzung zur grossen Kinoleinwand zu begreifen. Wie also könnten sie aussehen, die spezifischen Erzählformen, formatgerechten Ästhetiken, die Formen der Interaktion einer Kinoerfahrung neuer Art? Die nutzbringenden Anwendungen des Datenzeitalters, das, grob vereinfacht gesagt, auf Rechenvorgängen im Netz beruht…


Die Schweiz, eine Pionierin?

Worin besteht Kunstproduktion unter den digitalen Bedingungen von heute? In der Regel aus sogenannten Transmedia-Projekten, neuen künstlerischen Ausdrucksweisen, die mal als immersive Webprojekte auftreten, mal in Form mobiler Apps mit Kunstcharakter, als interaktive Installationen oder Videospiele. All diese Projekte beruhen auf Bewegtbildern und arbeiten mit gestalterischen Verfahrern des Films.

Die linearen Trägerformen des Films sind Vergangenheit. Das Zelluloid, später das Videoband wurden durch nicht-lineare Datenspeicher ersetzt. Kamera und Projektor sind heutzutage Computer mit Augen, Ohren und austretendem Licht. Aber hat sich die Herstellung eines Films, von Spezialeffekten einmal abgesehen, wirklich grundlegend verändert? Ist Netflix so anders als Hollywood? Die moderne Filmtechnik macht es möglich, mehr Filme in kürzerer Zeit herzustellen, und das billiger, für ein grösseres Publikum und vor allem für einen weltweiten Markt. Der kreative Anspruch unterwirft sich mehr und mehr den Geboten eines ohnehin übersättigten Markts, indem es das Internet auf ein Marketing- und Distributionstool reduziert… Welche Vergeudung, das Netz als blosser Riesenkopierer!

Die Schweiz gehörte (zu Digital-Video-Zeiten) einmal zu den Pionieren im kreativen Umgang mit den jedermann zugänglichen Digitaltechniken. Doch obwohl sie mit ihren kleinen artisanalen Strukturen ein ideales Labor sein könnte, um aus den neuen, gemeinhin mit dem Begriff «digitale Gesellschaft» verbundenen Möglichkeiten Nutzen zu ziehen, ist sie heute dabei, den Anschluss zu verlieren.


Den Anspruch des Kinos hinterfragen

Warum stösst digitale Kreation auf so wenig Gegenliebe im Schweizer Film? Dazu einige Thesen.

Zunächst einmal gibt es angesichts der neuen Möglichkeiten nicht genug finanzielle Unterstützung von Seiten der Institutionen. Vor allem ergänzen sich die Förderstellen zu wenig (keine Koordination unter den verschiedenen Förderern, die auf den künstlerischen Aspekt, die technische Innovation, die Forschung oder die Unternehmensentwicklung zielen). Dann gibt es keine Rezepte mit Erfolgsgarantie (die technischen Werkzeuge und künstlerischen Methoden sind erst im Entstehen). Zudem gibt es (aufgrund der jungen Geschichte digitaler Künste und weil sie meist aus kurzatmigen Initiativen entstehen) keinen Markt für digitale Kunstprojekte, der sich mit dem Film-, dem Kunst- oder dem Musikmarkt vergleichen liesse. Nicht zu vergessen das vom raschen Wandel hervorgerufene Unverständnis, die Begriffsstutzigkeiten und Ängste. Die zunehmende Komplexität der Welt verstärkt Schutz- und Abwehrmechanismen.


Die Wertschöpfungskette überdenken

Wie also liesse das Kino sich vor dem Hintergrund einer Welt im Umbruch neu denken? Die Fachleute täten gut daran, Ruhe zu bewahren, sich umzuschauen (gern auch mit Blick auf die Sorgen der Presse), Diskussionen zu führen, auszuprobieren, in den neuen digitalen Bereichen etwas zu wagen. Mit Tunnelblick in die nächste Produktion zu stolpern, aus der dann ein Film hervorgeht, der in den meisten Fällen gerade mal eine Woche läuft, ist das von der Arbeitshaltung her wirklich noch zeitgemäss? Für ein paar Glückliche bestimmt. Was die anderen anbelangt, habe ich meine Zweifel.

Die Versuchung ist gross, die Aufmerksamkeit der Zuschauer mit technischen Effekten zurückzugewinnen, oder auf Zauberformeln zu setzen, wie sie Serien darstellen. Aus meiner Sicht wäre es zunächst einmal angebracht, die auf den filmischen Ausdrucksformen basierende Wertschöpfungskette im Hinblick auf die digitalen Möglichkeiten zu überdenken. Worin liegt, jenseits des Films als solchem (mit seiner starken Symbolkraft), der Nutzen für die Allgemeinheit?

▶ Originaltext: Französisch

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