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Editorial


Der Hut des Zauberers


Ein Film ist wie eine Ehe. Der Vergleich stammt nicht von mir, gemacht hat ihn ein kanadischer Produzent an einer ­Pitching-Session anlässlich der Rencontres de coproductions francophones, Ende August in Morges. Damit spielte er darauf an, dass es für die Zusammenarbeit mit einem Autor die Bereitschaft braucht, mehrere Jahre am selben Küchentisch zu sitzen. In mageren und in fetten Jahren, bei guter und schlechter Gesundheit, in Freud und Leid, bis dass der Kino­start einen scheide. Und dies in bleibendem Wohlwollen.

Schwer vorstellbar, dass dieser so nahe Partner aufgrund finanzieller Erwägungen ausgewählt oder abgelehnt werden könnte; etwa weil die Reglemente das junge Paar bestrafen oder weil die Budgetberechnungen die Verlobten zu einer Verbindung zwingen. Trotz der Sorge vor möglichen Scheinehen ist sich die Filmbranche grundsätzlich einig: Produzenten und Regisseure sollten sich frei füreinander entscheiden können, ob ihre Verbindung nun unabhängig, gemischt oder traditionell sei und über den Röstigraben reiche oder nicht.

A propos Wahlfreiheit: Wie steht es um die Filmvermarktung? Sind Produzenten nicht frei, die Gelder und das Publikum bei den Streaming-Riesen zu suchen, wenn sie vom Kino nicht (mehr) viel erwarten? Die Debatte wurde in Venedig neu angefacht, als das Festival die Netflix-Produktion «Roma» von Alfonso Cuaròn prämierte, der also nicht ins Kino kommen wird – zumindest nicht unbegrenzt. Die Regeln sind nämlich nicht unverrückbar: Der Film wird auf den amerikanischen Leinwänden zu sehen sein – eine conditio sine qua non, um ins Rennen um einen Oscar zu steigen – und wird im Dezember einen begrenzten Kinostart in Italien haben.

Die Kinoverbände werfen den Plattformen vor, die Kinos und Festivals als Marketing-Instrumente zu benutzen, ohne die soziale und wirtschaftliche Rolle der Kinos zu berücksichtigen. Das kann durchaus stimmen. Wie dem auch sei, Netflix ist in erster Linie ein Unternehmen, das kommerzielle Entscheidungen trifft. Der Streaming-Anbieter hatte es übrigens abgelehnt, seine Filme ausser Konkurrenz in Cannes zu zeigen, die einzige Option, weil das Festival verlangt, dass die Produzenten die von Frankreich auferlegte Chronologie der Medien respektieren. Sollen die subventionierten Festivals die Plattformen boykottieren und damit eventuell die Autoren bestrafen? Die Verwertungskette ist mehr als langjährige Gewohnheit; sie erlaubt es auch, jeden Teilnehmer der Distri­butionskaskade mit dem Versprechen von Exklusivität zu verpflichten, das nationale Kino mitzufinanzieren.

Wer liegt nun richtig, wer falsch? Muss man den Vertriebsmarkt liberalisieren auf die Gefahr hin, die Kinos zu benachteiligen? Der Zauberer hat den Hut gezogen, noch wissen wir nicht, was ihm entweicht.


Pascaline Sordet


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