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Von der Küche in die Hochschule

Kathrin Halter
30. Juli 2018

Vor 50 Jahren wurde die Schweizer Trickfilmgruppe GSFA gegründet. Wieviel sie dem kulturellen Einfluss Frankreichs verdankt, was die Szene verbindet und was die Hochschule Luzern verändert hat. Ein Gespräch mit Maja Gehrig und Rolf Bächler.

Der GSFA wurde 1968 auf Initiative von Bruno Edera von Nag und Gisèle Ansorge, Georges Schwizgebel, Claude Luyet und Daniel Suter gegründet. Wie gut kennt ihr diese Gründer persönlich?

Maja Gehrig: Mit Claude Luyet habe ich schon zusammengearbeitet, Georges Schwizgebel lernte ich an der HSLU kennen, wo er eingeladen war, seine Arbeiten vorzustellen. Animationsfilmschaffende sind sich sowieso wohlgesinnt. Meistens trifft man sich in Annecy, in Solothurn, am Fantoche oder am Animatou.

Rolf Bächler: Ich bin mit allen seit langem befreundet, oder war es; Gisèle und Nag Ansorge sind ja 1993 bzw. 2012 gestorben. Mit Georges habe ich erst kürzlich eine Ausstellung im Animatorium veranstaltet, zu seinem letzten Film «La bataille de San Romano».


Weshalb wurde der Verein gerade in der Romandie gegründet?

RB: Das liegt an Annecy, dem ersten, 1960 entstandenen Animationsfilmfestival. Dort wurde im selben Jahr auch der internationale Dachverband gegründet, die Association Internationale du Film d’Animation (ASIFA). Das hatte auf die nahe gelegene Romandie natürlich eine Ausstrahlung – und inspirierte den Filmclub-Aktivisten Bruno Edera, einen Ableger in der Schweiz zu gründen. Also lud er 1968 alle Animationsfilmer ein, die er kannte. Etwa zehn kamen, auch solche aus dem Auftragsfilmbereich. Das erste Treffen – so will es die schöne Legende – fand dann bei ihm zu Hause in der Küche statt. Ein geistiger Anstifter war aber auch Freddy Buache, der schon vor Annecy in Cannes dabei war, wo 1956 und 1958 die ersten Journées Internationales du Cinéma d’Animation als Nebenveranstaltung des Filmfestivals stattfanden. Von dort brachte er jeweils eine Auswahlschau für die Cinémathèque und interessierte Filmclubs zurück und machte so diese Art von Filmen einem hiesigen Publikum zugänglich.

MG:Die Romandie steht unter dem kulturellen Einfluss von Frankreich mit seiner starken Tradition in der bande dessinée, das darf man auch nicht vergessen.


Was war das Hauptmotiv für die Gründung des Vereins?

MG: Im Animationsfilm arbeitet man lange und auch viel alleine vor sich hin. Da ist es besonders wichtig, sich kennenzulernen und zu vernetzen – das ist heute noch und war damals schon so, als die Teams noch kleiner waren. Auch für den technischen Austausch war der Verein wichtig: Damals gab es weder eine Schule noch die schnelle Informationsbeschaffung aus dem Netz. Das Zusammengehörigkeitsgefühl hilft, um Energie für eigene Projekte zu gewinnen – und sich auch politisch für bessere Produktionsbedingungen einzusetzen.


Wie muss man sich die damalige Arbeitssituation für Animationsfilmer vorstellen?

RB: Animatoren waren vor allem Einzelgänger. Viele, vor allem aus der Deutschschweiz, waren Autodidakten. Andererseits gab es immer schon Animation im Auftragsfilmbereich. Etliche grosse Filmproduktionen wie Praesens- oder Central-Film hatten entsprechende Abteilungen. Das grösste dem Trickfilm gewidmete Studio in der Schweiz war das Atelier für Herstellung und Vertrieb künstlerischer Werbefilme von Julius Pinschewer. Der Pionier zog es als Jude nach der Machtergreifung der Nazis vor, von Berlin nach Bern umzusiedeln. Nach seinem Tod Anfang Sechzigerjahre wurde das Studio geschlossen. Die Einführung der Werbung durch die SRG führte wenige Jahre später zu einem Boom neuer Animationsstudios, das waren allerdings Kleinbetriebe. Impulse kamen in der Romandie vom Fernsehen, das nicht nur Autorenfilme zeigte, sondern auch als Produzent aktiv wurde. In der Deutschschweiz bleibt «Pingu» bis heute allein auf weiter Flur. Erst der Pacte de l’audiovisuel brachte eine gewisse Änderung.


Seit 2002 wird an der Hochschule Luzern ein Studium in Animation angeboten. Hat die HSLU zur Professionalisierung der Szene beigetragen?

MG:Ja, sicher. Es findet eine Kumulierung von Wissen statt. Zudem kann eine Hochschule auch Professionelle aus dem Ausland einladen. Wichtig auch: Man kann sich an der HSLU in einem Fachbereich spezialisieren und gleichzeitig Autoren-Filmerin werden. Das schliesst sich nicht mehr aus. Als ich Anfang der Nullerjahre studierte, musste man sich technisch gesehen mehr selber aneignen; dafür stand die künstlerische Identität über allem. Gruppenarbeiten, etwa in Abschlussarbeiten, waren eher verpönt. Die Autorenschaft ist heute nicht mehr so heilig, dafür ist der Teamgeist ausgeprägter. Das hat auch etwas mit den Kommunikationsmethoden der – viel verpönten – Social Media zu tun.

RB: Früher galt das hohe Lied des Autors, Trickfilmer waren mehr Einzelgänger und Kleinhandwerker, die ihre eigenen Sachen erfanden, die sie nicht jedem zeigen wollten. Die Studierenden haben gelernt, in Teams zusammenzuarbeiten. Heute ist es akzeptiert, dass jemand primär handwerklich arbeitet, zum Beispiel als Animator im Dienste eines Projekts. Der Geist ist offener geworden.


Darf man sich die Animationsfilmschaffenden innerhalb der Schweizer Filmszene als verschworene Truppe vorstellen?

MG: Wir arbeiten zwar nicht mehr in der sprichwörtlichen Küche, sind in der Schweiz aber immer noch weit von einer Animations-Industrie entfernt. Auch deshalb ist die Verbundenheit stark. Im Verein sind sowohl Animatorinnen, Autoren und Produzenten, Autoren-Produzentinnen wie Auftragsfilmer vertreten; die verschiedenen Berufe sind alle unter einem Dach.


Seit wenigen Jahren gibt es auch ein paar Studios in der Schweiz, die sich ganz dem Animationsfilm verschrieben haben: Das Berner YK Animation Studio zum Beispiel oder Team Tumult aus Zürich. Weshalb sind solche Firmen wichtig?

MG:Da arbeiten Leute, die das Grundwissen besitzen und gut vernetzt sind. Es sind aber noch kleine Studios, die Auftragsfilme wie Kurzfilme produzieren. Es wird sich zeigen, wie sie sich entwickeln, ob dereinst auch Serien und Langfilme produziert werden können – was den Animatoren langfristig Arbeit gäbe und was letztendlich eine Industrie ausmacht.


Georges Schwizgebel ist neben Claude Barras der bekannteste Animationsfilmer des Landes. Ist er auch ein Vorbild für Jüngere?

MG:Er ist ein einsames Leuchtfeuer. Er war für mich nicht Mentor oder Anlaufstelle; er ist der klassische Künstler, der einer Sache tief auf den Grund geht und alleine für sich an seinem Ding arbeitet. Zugleich ist Georges ein sehr zugänglicher, netter Mensch. Inspirationen holt man sich im Übrigen von überall her – vom Fantoche oder aus der HSLU, wo auch Leute aus dem Ausland unterrichten wie der Engländer Paul Busch, ein geborener Mentor und Lehrer. Wir reden auch an internationalen Festivals viel miteinander – es gibt da nicht so viele Schranken wie zum Beispiel im Spielfilm.


Was bedeutet der Erfolg von «Ma vie de Courgette» von Claude Barras – hat sich damit etwas verändert?

MG:Sein Erfolg hat in der Öffentlichkeit, aber auch in der restlichen Filmszene das Interesse an der Animation geweckt. Oder wieder geweckt.

RB:Seit den Achtzigerjahren gab es ja mehrere Grossprojekte, die Fehlschläge waren – und die verbreitete Ansicht bestärkten, dass in der Schweiz animierte Langfilmprojekte einfach nicht zu stemmen seien: Der (unvollendete) Zeichentrickfilm «Supersaxo» von Etienne Delessert ist so ein Beispiel, der 1982 im Konkurs endete, was Bund und Kantone etwa zwei Millionen Franken kostete. Dann folgte der «Globi»-Langfilm (2003), bei dem der ini­tiierende Schweizer Produzent die Kontrolle an ausländische Investoren verlor. «Max & Co.» (2007) der Guillaume-Brüder schliesslich, mit 30 Millionen Franken immer noch die teuerste Schweizer Filmproduktion aller Zeiten, erwies sich im Kino ebenfalls als Riesenpleite.

MG: Und doch wäre «Ma vie de Courgette» ohne «Max & Co.» kaum möglich gewesen...

RB:... allerdings! Barras hat für «Max & Co.» die ersten Figuren kreiert und so die Puppen für sich entdeckt, Elie Chapuis hat als Animator mitgearbeitet. Für die Geldgeber war der Misserfolg natürlich unerfreulich – aber man sah: Eigentlich ist es machbar, es braucht einfach eine bessere Geschichte. Das Produktions­niveau war Weltklasse.

MG: Inzwischen gibt es auch wieder grosse Projekte wie «Chris the Swiss» von Anja Kofmel; dessen Produktionsfirma Dschoint ­Ventschr will sich weiter im Animationsfilm engagieren. Und es gibt andere Produzenten wie Langfilm, die sich an erste animierte Kurzfilme wagen.


Zwei Anliegen, damit sich Produktionsbedingungen für den Animationsfilm in der Schweiz weiter verbessern?

MG:Es braucht Projektentwicklungsgelder für kurze und lange Animationsfilm-Projekte. Der Animationsfilm ist sehr teuer. Wenn man jedoch ein gutes Storyboard und ein Animatic herstellt, sieht man bereits recht gut, ob eine Geschichte funktioniert oder nicht. So kann der Aufwand bei der Herstellung massiv verkleinert und das Risiko für Produktionsfirmen gesenkt werden.

Zudem müssen in der Förderung die Produktionsbedingungen von Animationsfilmen besser berücksichtigt werden. Es braucht einen Expertenpool, der den Gremien zur Seite steht, und Leute in den Kommissionen, die Storyboards und Budgets von Animationsfilmen beurteilen können. Gut wäre auch, wenn man sich innerhalb der Branche mehr füreinander interessieren würde. Dass zum Beispiel Autoren auch mal für die Animation schreiben. Es gibt ja viele Mischformen.


Maja Gehrig(geb 1978) ist Animationsfilmschaffende («Königin Po», «Amourette», «Une Nuit Blanche» u.a.), im Vorstand des GSFA sowie der Zürcher Filmstiftung.

Rolf Bächler(geb 1951) ist «Animationsaktivist», war im Auftragsbereich, als Dozent sowie im GSFA engagiert. Vor Kurzem gründete er das Animatorium, ein Veranstaltungs- und Ausstellungsraum zum Animationsfilm in Zürich.


▶ Originaltext: Deutsch

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