«Industry Events» in Winterthur
Die Internationalen Kurzifilmtage Winterthur laden vom 10. bis 12. November zu ihren «Industry Events» ein.
Mitteilung 11. November 2024
Jury Internationaler Wettbewerb
Elene Naveriani (CH), Filmemacher:in
Vytautas Katkus (LTU), Kameramann & Regisseur
Claudia Slanar (AUT), Managerin, Diagonale – Festival of Austrian Film
Nina Rodriguez (MX), Head of Programming, Guanajuato International Film Festival Gabriela Bussmann (CH), Produzentin und Head of GoldenEggProduction
Hauptpreis des Internationalen Wettbewerb
«Genealogy of Violence» (Frankreich 2024) von Mohamed Bourouissa CHF 12 000.–, gestiftet von den Internationalen Kurzfilmtagen Winterthur
Dieser Film beginnt als gewöhnliche «boy meets girl»-Geschichte, die sich plötzlich in eine andere verwandelt: eine Geschichte über Racial Profiling, Polizeiwillkür und die tägliche Bedrohung und potenzielle Gewalt, der People of Colour ausgesetzt sind. Doch dann folgen wir einer fulminanten Fahrt durch abstrakte Welten, die dem Ich-Erzähler Kraft verleihen. Wir waren beeindruckt von der Selbstverständlichkeit, mit der digitale Animation hier in die Realfilm-Handlung einfliesst. Die Kombination führt uns vor Augen, wie sich der Körper anspannt und doch gerade so Widerstand leistet. Der Film enthüllt nicht nur gesellschaftspolitische Realitäten, sondern vermittelt über die Form gekonnt eine Möglichkeit von Handlungsmacht, nicht zuletzt durch die Aktivierung der Vorstellungskraft.
Förderpreis des Internationalen Wettbewerbs
«Dreams like Paper Boats» (Haiti 2024) von Samuel Suffren CHF 10 000.–, gestiftet von der Stadt Winterthur
Der Film erzählt in ausdruckstarken Schwarz-Weiss-Bildern von der Trennung einer Familie und der schmerzenden Absenz der Partnerin, Geliebten, Mutter. Wir sehen, wie ein Mann und Vater bei seinen alltäglichen Verrichtungen mit dieser Abwesenheit umgeht. Die einzige Verbindung zu seiner Frau, die in der Hoffnung auf ein besseres Leben in die USA ausgewandert ist, sind Audiokassetten, die teilweise von den Gräueln der Reise berichten und dann wiederum die kleine Tochter in den Schlaf wiegen. Ohne viel zu erklären, drückt der Film den ganzen Schmerz in kleinen Gesten und kurzen Sätzen aus. Die mutige Erzählung eines Mannes, der inmitten der Nachwirkungen von Kolonialismus und kapitalistischen Umbrüchen die Kontrolle über sein Leben behalten will.
Prix George für die beste dokumentarische Form des Internationalen Wettbewerbs
«Maman Danse» (Schweiz 2024) von Mégane Brügger CHF 10 000.–, gestiftet von der Volkart Stiftung
Dieser Film nimmt uns mit auf eine stille, eindringliche Reise der Heilung, auf der eine Tochter ihre Mutter dabei begleitet, sich der Gewalt und den Traumata der Vergangenheit zu stellen. Er enthüllt behutsam die Suche nach einem Raum, wo Versöhnung möglich ist und die Erinnerung ein neues Band webt. In diesem schmerzhaften und ermutigenden Prozess verweilt die Vergangenheit und macht Platz für das, was Bestand haben soll. Ein dringliches und wichtiges Zeugnis, das eine tiefgründige und zeitgemässe Geschichte einfängt.
Kandidatur European Film Awards (EFA)
«City of Poets» (Niederlande 2024) von Sara Rajaei
Die Filmemacherin schafft mit einer Erzählung und Archivmaterial eine poetische Reflexion darüber, was passiert, wenn die Künste der Gewalt weichen und Verbote das Leben von Frauen beherrschen.
Lobende Erwähnung, Internationaler Wettbewerb
«Burnt Milk» (USA 2023) von Joseph Douglas Elmhirst
Die Geschichte einer Frau, die zwischen Welten schwebt und den stillen Schmerz der Heimat in sich trägt. Mit eindringlichen Bildern aus der Vergangenheit und zärtlichen Stimmen zieht uns der Film in das Leben einer jamaikanischen Hebamme in Grossbritannien, deren Einsamkeit durch die Süsse eines Milchdesserts gemildert wird – ein fernes Echo eines anderen Ortes. Wir geben diesem visuellen Gedicht über Widerstandsfähigkeit und Zugehörigkeit eine lobende Erwähnung.
Jury Schweizer Wettbewerb
Luce Grosjean (FR), Co-founder & CEO, Miyu Distribution
Azin Feizabadi (DE), Filmemacher, Visual Artist, Film Programmer Morgane Frund (CH), Filmemacher:in
Preis für den besten Schweizer Film
«2mm» (Schweiz 2024) von Mona Jelić
CHF 10 000.–, gestiftet von SUISSIMAGE und SSA
Die Filmschaffenden setzen sich selbst dem Risiko aus und beleuchten eines der weniger bekannten, aber politisch brisanten Schlachtfelder Europas: In einer ländlichen serbischen Gemeinde sammelt dieser experimentelle Dokumentarfilm Aussagen von Bewohner:innen und Umwelt-Aktivist:innen, die sich gegen die Versuche ihrer Regierung wehren, Land für den massiven Lithiumabbau in der Region des Jadar-Tals zu verkaufen. Ein informativer und zugleich poetischer Kurzfilm, der beispielhaft zeigt, wie Kunst und Politik zusammenspielen können, um eine humanistische Perspektive auf unsere konfliktreiche Gegenwart zu eröffnen. Ein prägnantes, visuell ansprechendes und gelungenes Werk.
Lobende Erwähnungen, Schweizer Wettbewerb
«Cottage Cheese» (Schweiz 2024) von Liina Luomajoki, Janina Müller, Lena Metzger und Alice Kunz
Wir wollten «Cottage Cheese» von Liina Luomajoki, Janina Müller, Lena Metzger und Alice Kunz auszeichnen, weil er uns eine einzigartige Erfahrung beschert hat, indem er humorvolle Momente mit Gefühlen des Ekels vermischt. In einer Zeit, in der die Rechte der Frauen immer unsicherer werden, projiziert der Film kraftvoll auf die Leinwand, was wir oft in unserem eigenen Körper spüren. Diese Darstellung ist an sich schon ein Sieg, eine trotzige Präsenz angesichts der zunehmenden Bedrohung von Grundrechten.
«Heroine – Necessary Objects» (Schweiz 2024) von Liza T. Raheem
Mit einem wirkungsvollen Setup und einer simplen Form führt uns die Regisseurin gekonnt durch die Phasen der Trauer und verwendet dabei Objekte, die tiefes Mitgefühl hervorrufen und uns in diese profunde Reise eintauchen lassen. Für diese Wucht möchten wir «Heroine – Necessary Objects» von Liza T. Raheem lobend erwähnen.
«The Man Who Could Not Remain Silent» (Bulgarien, Slowenien, Frankreich, Kroatien 2024) von Nebojša Slijepčević
CHF 10 000.–, gestiftet von der Zürcher Kantonalbank
Am Schweizer Filmschulentag gibt die Jury des Schweizer Wettbewerbs den Studierenden Feedback und vergibt den Preis für den besten Schweizer Schulfilm.
Preis für den besten Schweizer Schulfilm
«L’erbaccia» (Schweiz 2024) von Anna Simonetti CHF 5000.–, gestiftet von der SRG SSR
Den Zwängen der zugewiesenen Rolle zu entkommen, um jenseits von Käfigen und Kategorien eine Schwesternschaft zu finden: Mit sehr wenigen Worten und sorgfältig gewählten Tönen und Bildern schafft diese Filmemacherin eine haptische Erfahrung für das Publikum. Eine einfühlsame Geschichte darüber, den Reissverschluss eines unbequemen Kleides zu öffnen, im Schlamm zu knien und unter dem Zaun hindurchzukriechen.
Lobende Erwähnung, Schweizer Filmschulentag I
« 1:10» (Schweiz 2024) von Sinan Taner
Dieser ambitionierte und intelligente Film erforscht Themen wie Rassismus, Klassismus und Männlichkeit im Mikrokosmos einer Schule. Dabei verschränkt er gesellschaftliche Kritik mit persönlichen Erzählungen zu einer Geschichte, die sowohl synaptische Verbindungen als auch strukturelle Dynamiken widerspiegelt. Mit seiner subtilen und durchdachten Darstellung der Ursache und Wirkung von Gewalt beleuchtet der Regisseur, wie kleine Handlungen in einem komplexen sozialen Gefüge widerhallen. Diese unglaubliche Regiearbeit wollen wir lobend erwähnen.
Sparks Jury
Rosanna Müller (19) Leando Stinn (16) Severin Kobelt (16)
Preis für den besten Film der Sektion Sparks
«Hello Stranger» (Kanada 2024) von Amélie Hardy
CHF 2000.–, gestiftet von den Internationalen Kurzfilmtagen Winterthur
Eine Geschichte, wie ein Freund sie uns erzählen könnte: Der Film zeigt ein wunderschönes, emotionales Leben und ist eine Ermutigung, uns auf den eigenen Selbstheilungsweg zu begeben. Dieser Film prägt unseren Weg auf jeden Fall.
Lobende Erwähnung, Sparks
«Rumbles of the Earth» (Philippinen 2024) von Carl Joseph Lara
Die Storyline von «Rumbles of the Earth» nimmt uns auf einen wilden Ritt mit, und genau das macht die Faszination dieses Kurzfilm aus. Er ist eine wahre emotionale Überrumpelung dank grossartigen Entscheiden in der Inszenierung und Visualisierung und sorgt mit Bravour dafür, dass dieses Spektakel nicht mehr aus unseren Köpfen zu bringen ist. Das ist es auch, was die Jury schlussendlich überzeugt hat: Der Film ist wie unser Kopf in den stürmischsten Zeiten.
Jury Schweizer Postproduktionspreis
Nina Cutkovic, Jingle Jungle Tonstudios
Christof Hächler, Internationale Kurzfilmtage Winterthur Eva Schweizer, SRF Schweizer Radio und Fernsehen
Postproduktionspreis
«La cabane» Maya Kosa und Sergio da Costa
CHF 10 000.–, Sachpreis, gestiftet von Jingle Jungle Tonstudios
Hügelige Landschaft, schneebedeckte Wälder und – Ruhe. Eine Wandergruppe durchquert die Weiten des Waadtländer Jura. Einen Tag lang folgen wir ihnen bis zur Cabane du Rochefort. Diese dient als idealer Rückzugsort vom hektischen Alltag und der Zivilisation. Im Zentrum stehen nun das einfache Leben, das Zusammensein und die Natur.
Das Dokumentarfilm-Projekt besticht nicht mit Bildern von spektakulärem und adrenalingetriebenem Bergsport, sondern konzentriert sich auf eine zugänglichere Form, in die Natur einzutauchen. Wir sind überzeugt, dass Maya Kosa und Sergio da Costa eine klare Vision für ihr Projekt «La cabane» haben, um uns an dieser schlichten Schönheit teilhaben zu lassen und die hiesige Natur als Sehnsuchtsort näher zu bringen. Wir freuen uns auf das Werk der beiden Filmschaffenden, die schon einige Filme zusammen realisiert haben.
P.AiR.S Projektentwicklungs-Residency 2025
«Cry My Way to Heaven» von Saleh Kashefi
Der Regisseur untersucht die Matrix der Männlichkeit in der iranischen Gemeinschaft, in der er aufgewachsen ist. Durch die kritische Auseinandersetzung mit diesem brisanten Thema geht der Filmemacher selbst ein Risiko ein. Sein respektvoller und einfühlsamer Umgang mit dem Archivmaterial und den Protagonisten, trotz deren kontroverser Haltung, ist herausragend.
Wir sind gespannt, wie sich dieses mutige persönliche Projekt in den sieben Wochen der Residenz entwickeln wird und wünschen Saleh einen inspirierenden und ermutigenden Aufenthalt in Sigriswil.
Einladung zur Teilnahme am European Short Pitch 2025
«Memories of Beyond» von Alicia Mendy
Die Jury möchte ein ansprechendes und einnehmendes Projekt prämieren, das von starken persönlichen Absichten und Authentizität getragen wird, diese jedoch mit exzentrischen und mystischen Atmosphären vermischt. Wie kann man einen subtilen Blick auf eine vergangene Ära werfen? Wie kann man den emotionalen Schmerz eines Verlustes überwinden? Wie kann man das Genre als realistischeren Weg nutzen, um Gefühle und die Welt, die uns umgibt, einzufangen?
Die Einladung zur Teilnahme am European Short Pitch 2025 geht an «Memories of Beyond» von Alicia Mendy, produziert von Rhea Plangg.