Ein Tonmeister hat sich verabschiedet
Martin Stricker und seine Statuette. © Pascal Baumgartner

Ein Tonmeister hat sich verabschiedet

Pascal Baumgartner 30. März 2025

Martin Stricker, Toningenieur, Tonaufnameleiter und Tonmeister, geboren 1961, ist am 26. Februar 2025 in Genf verstorben. Der Regisseur und Freund Pascal Baumgartner würdigt ihn mit einer herzlichen Hommage.

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Martin war ein zutiefst integrer Mensch. Das ist es, was mich in der Zeit, in der ich mit ihm zusammen war, am meisten geprägt hat. Das ist es, was uns alle geprägt hat, wenn wir über seinen Lebensweg sprechen. Integer und beständig in seiner Art, die Welt zu sehen, nicht idealistisch, eher realistisch, sicherlich geprägt von den Momenten seiner Jugend in den 1980er Jahren in seiner Heimat Zürich, in starker Reaktion gegen diese bürgerliche und konservative Stadt.

Er entschied sich dafür, einen Grossteil seines Lebens im calvinistischen, etwas «romanischerem» Genf zu verbringen, wo er ein Filmstudium aufnahm, heiratete, eine Tochter bekam und sich voll in das kulturelle und soziale Leben dieser Gaststadt einmischte. Kein Revolutionär, aber ein Protestierer. Martin hatte sein Gesicht, auch das kann man sagen. Immer mit wirrem Haar... es war jedes Mal ein Ereignis, ihn vom Friseur kommen zu sehen. Martin hatte immer eine Meinung und die äusserte er auch, und zwar offen und direkt. Direkt und aufrichtig, ja. Das konnte manchmal für Aufregung sorgen.

Ein Perfektionist des Tons

Bei den Dreharbeiten war Martin, als Tontechniker, aber vor allem in seinen Glanzzeiten als Tonaufnahmeleiter, der Meckerer. Wenn das Mikrofon im Weg war, lag es daran, dass man den Bildausschnitt zu hoch gewählt hatte, und er hatte Recht. (...) Er war ein Perfektionist, ein echter Profi auf seinem Gebiet. Man muss nur einen Blick auf seine Filmografie auf Swiss Films werfen. Die Anzahl der Filme, an denen er als Tonaufnahmeiter, insbesondere mit Laurent Barbey während eines Jahrzehnts, als Toningenieur und in den letzten Jahren als Mischer gearbeitet hat... Spiel- und Dokumentarfilme, mit mehr oder weniger bekannten Regisseuren und Regisseurinnen. Er war sich nicht zu schade, so intensiv für einen Anfänger zu arbeiten, der für seine Maturaarbeit einen Kurzfilm drehte. Engagiert hier in der Schweiz und auch im Ausland. Man kann sagen, dass er einen ganzen Teil der Schweizer Filmgeschichte geprägt hat. Martin war nicht nur wegen seiner beruflichen Qualitäten, sondern auch wegen seiner menschlichen Qualitäten anerkannt und geschätzt.

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Martin Stricker, links, bei den Dreharbeiten von «Super», ein Dokumentarfilm von Laurent Graenicher. © zvg

Bis zum Äussersten! Man musste ihm folgen. Ich hörte aus meinem Studio neben Martins Studio in der Garage den gleichen Satz, die gleiche Tonfolge, die sich zehnmal, fünfzigmal wiederholte. Martin mischte. Martin wollte dieses kleine Zungensauggeräusch oder was auch immer, das die Qualität seiner Mischung störte, versüssen. Puh, er hat es geschafft! Aber er beginnt wieder mit einer anderen Sequenz, einem anderen Satz. Das gleiche Geräusch einer zuschlagenden Tür, zehnmal, fünfzigmal. Martin war ein Perfektionist.

Um Laurent Graenicher zu zitieren: Er war kein fiktionales Wesen, er hatte einen sehr realistischen Ansatz bei seiner Arbeit als Tonmischer. Er hatte eine Strenge, eine Ethik des Tons. Ein Hund, der in der Ferne bellt, ein Vogel oder ein Auto, das nicht im Bild ist, muss mit dem Ort, dem Raum, in dem die Handlung stattfindet, übereinstimmen. Er war kompromisslos in seinen Entscheidungen.

Ein Leidenschaftlicher

Er war auch unermüdlich. Ja, auch das war eine seiner grossen Qualitäten. Er kam spät in sein Studio «Le bruit qui court», so gegen 11 Uhr oder 12 Uhr, aber er kam auch spät wieder heraus. Fast sieben Tage die Woche. Manchmal machte er eine Pause. «Ja, ich gehe einkaufen, danach komme ich wieder.» Oder er ging in den kleinen Hof, um eine Zigarette zu rauchen. Das war sein geselliger Moment. Ein sehr wichtiger Moment (...).

Martin erzählt von seinen Erinnerungen an die Dreharbeiten. «Ach ja, weisst du, als ich in Bhutan war oder in den Dolomiten bei den Dreharbeiten zu «Barnabo des montagnes», in St. Petersburg, in Patagonien mit dir, als ich bei einem Dreh in letzter Minute den Stabhochspringer ersetzen musste, obwohl ich gerade von zwei anderen kam... und als ich mit dem Schweizer Team bei den Juniorenweltmeisterschaften in den USA fechtete. Ich verlor vor dem Finale gegen einen Sowjetmenschen... Ich hörte auf, weil einige Gefechte manipuliert waren...». Ein Meister des Florettfechtens. Dies war auch eine seiner Glanzzeiten. Martin hatte eine kleine Tendenz, uns die gleichen Geschichten zu erzählen, aber immer mit seiner scherzhaften, fröhlichen Seite. Es war nie langweilig.

Eine diskrete Sensibilität

Eine andere Facette von Martin, die nicht gleich zum Vorschein kam, war seine grosse Sensibilität. Unter seinem Panzer als harter Appenzeller, dessen Jeans mit seinem Kuhgürtel gut vertäut waren, erzählte er mir eines Tages mit trüben Augen die Geschichte von den Igeln, die sich nicht mehr frei bewegen konnten, um den Garten des kleinen Hauses, in dem er eine Zeit lang in Petit-Lancy wohnte, zu durchqueren, weil ein Mistkerl von Eigentümer beschlossen hatte, den Platz einzuzäunen. (...)

Erst kürzlich hatte er mir von dem Unfalltod seines Vaters in den Bergen erzählt, als er noch ein kleines Kind war. Der Moment, als seine Mutter den Anruf erhielt, der das tragische Ereignis ankündigte. Martin war schamhaft in seinen Gefühlen. Abgewogen auch in seinen Komplimenten. Aber schalkhaft und fröhlich, das ist es, was wir von ihm in Erinnerung behalten.

Nach deiner Rückkehr…

«Hallo, hier ist das Gerücht... Woanders! Wenn Sie mir eine Nachricht hinterlassen, rufe ich Sie an, sobald ich zurück bin.» Das ist die Nachricht, die Martin auf den Anrufbeantworter seines Studios in der Garage gesprochen hat. Ich hatte ihn vor ein paar Tagen zurückgerufen, um ihn ein letztes Mal zu hören. Ja, Martin, woanders... Ich würde dir gerne eine Nachricht hinterlassen. Das tue ich im Namen all derer, die mit dir zu tun hatten, die mit dir in der Garage gearbeitet haben, wo du vor über zwanzig Jahren dein Studio aufgeschlagen hast. (...) Martin, wir vermissen dich. (...)

Ich glaube, diesmal bist du definitiv woanders, irgendwo in den Gefilden, wo du mit deinem Hackbrett den Gesang der Engel begleitest, wo du dich mit Dindo und vielen anderen zusammengetan hast, und ihr macht weiter euer Kino. Schlussklappe.

Dieser Text wurde am Montag, dem 17. März, bei einer Abschiedszeremonie im Café Le Poids Public in Anwesenheit von Verwandten, Freunden und Freundinnen, ehemaligen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen und einer ganzen Reihe von Genfer und anderen Filmschaffenden gesprochen. Der Text wurde für die Veröffentlichung auf unserer Internetseite leicht angepasst.

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