«Das Kino hat es immer verstanden, sich zu modernisieren.»
Elisha Karmitz, Generaldirektor der französischen mk2-Gruppe. © Philippe Quaisse, mk2

«Das Kino hat es immer verstanden, sich zu modernisieren.»

Adrien Kuenzy 28. Oktober 2024

Elisha Karmitz, Generaldirektor der französischen mk2-Gruppe, beteiligt sich an einer Podiumsdiskussion des Geneva International Film Festival über die Zukunft der Kinos im Zeitalter der immersiven Technologien.

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Während das digitale Zeitalter unsere Art, Kultur zu konsumieren, neu definiert, muss das Kino sich neu erfinden, um seinen Platz in der audiovisuellen Landschaft zu bewahren. Elisha Karmitz, Generaldirektor der in Paris ansässigen mk2-Gruppe, ist ein Vorreiter dieses Wandels und vertritt eine Vision des Kinoerlebnisses, die zugleich teilhabend und innovativ ist. Insbesondere die Eröffnung von mk2 VR, der ersten permanenten Einrichtung für virtuelle Realität in Europa, im Jahr 2016, stellte für das Unternehmen einen Wendepunkt dar. Welche Perspektiven haben Kinos in einer Welt, in der neue Technologien die kollektive Erfahrung umgestalten? Im Hinblick auf Karmitz’ Teilnahme an der Podiumsdiskussion des Geneva International Film Festival mit dem Titel «Immersive Revolution für die Kinos?» haben wir ihm einige Fragen gestellt.

Können Sie uns die mk2-Gruppe und ihre Haupttätigkeiten kurz vorstellen?

Mk2 ist ein unabhängiges Familienunternehmen, das vor 50 Jahren von meinem Vater gegründet wurde. Unsere drei grossen Werte sind: Auswahl, Andersartigkeit und Vermittlung. Wir sind ein Filmunternehmen, und wir verbreiten diese Werte durch drei Haupttätigkeiten: Vertrieb und Produktion von Filmen, Betrieb von Kinos sowie ein neues Konzept von Kino-Hotels. Zudem sind wir auch im Bereich Kommunikation und Marketing tätig, indem wir Medien entwickeln und Veranstaltungen organisieren.

Sie waren federführend bei der Entwicklung von mk2 VR. Wie hat sich dieses Konzept auf Ihr Unternehmen ausgewirkt?

Es hat unsere Aussenwahrnehmung und unsere Positionierung nachhaltig beeinflusst, indem es unseren Ruf als innovatives Unternehmen, das sich neuen audiovisuellen Formaten zuwendet, stärkte. Mk2 VR hatte zudem konkrete Auswirkungen insbesondere auf die Besucherzahlen und den Umsatz. Auch im Hinblick auf die Geschäftsentwicklung war der Effekt sehr positiv, denn wir konnten im Bereich der virtuellen Realität diverse B2B-Aktivitäten aufbauen, sowohl in Frankreich als auch auf internationaler Ebene.

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Mk2 VR, der ersten permanenten Einrichtung für virtuelle Realität in Europa. © Benoit Florençon

Denken Sie, dass immersive Technologien eines Tages die aktuellen Formen des Filmkonsums ersetzen werden?

Nein, das glaube ich nicht. Der Buchdruck, zum Beispiel, existiert immer noch, obwohl es seit Gutenberg zahlreiche Disruptionen gab. Die Gewohnheiten und die Produktion von Inhalten sind jedoch im Wandel. Es wäre unrealistisch, zu glauben, die jungen Generationen, zum Beispiel die heute Zwanzigjährigen, die nach dem 11. September geboren wurden und mit dem Smartphone in der Hand aufgewachsen sind, konsumierten audiovisuelle Inhalte auf die gleiche Art wie in den 1980er- oder 1990er-Jahren. Heutzutage haben jungen Menschen eine andere Beziehung zu audiovisuellen Inhalten. Diese neuen Bedürfnisse werden die alten nicht unbedingt ersetzen, aber sie werden koexistieren. Trotz seines fortgeschrittenen Alters hat das Kino es immer verstanden, sich zu modernisieren. Es muss weiterhin ein herausragendes Erlebnis bieten und zugleich offen bleiben gegenüber anderen kreativen Formaten und ihnen mit Demut begegnen.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen für diese Offenheit?

Nehmen wir unsere Einrichtung mk2 VR als Beispiel. Seither haben wir fixfertige Lösungen entwickelt, mit denen Kinobetreiber, Immobilienbesitzer oder Museen spezielle Zonen für virtuelle Realität einrichten können. Sie beinhalten alles, was man braucht, von Material und Gestaltung über Marketingmodelle bis zum Inhaltsmanagement. Wir vertreiben diese Lösungen in verschiedenen Regionen und Ländern, wie etwa Brasilien, Skandinavien und China. Im gleichen Sinne haben wir 2013 mit «Cinema Paradiso» eine Veranstaltung geschaffen, die darauf abzielt, das Publikum durch Filmvorführungen an beeindruckenden und ungewöhnlichen Orten zu begeistern.

Das Kino scheint untrennbar verbunden mit technologischen Innovationen. Haben Sie spezifische Pläne für Ihre Kinosäle?

Ja, seit 2021 haben wir insbesondere im mk2 Nation ein Kino-Hotel errichtet, wo alle Zimmer mit Projektoren und Leinwänden ausgestattet sind, sodass die Gäste sich alle Filme, die im Kino laufen, direkt in ihrem Zimmer anschauen können. Die Einrichtungen in den Zimmern entsprechen der CST-Norm und sind Teil der Kinosäle von «mk2 Nation».

Was bringt dieses neue Konzept?

Wir können dadurch ein anderes, vornehmlich touristisches Publikum anziehen und so auf die demografischen Veränderungen in Grossstädten wie Paris reagieren, wo viele Bewohner und Bewohnerinnen aufgrund des Siedlungsdrucks aus dem Stadtzentrum wegziehen. Zurzeit planen wir ein zweites Kino-Hotel sowie Umbauarbeiten in mehreren Kinos, insbesondere um technologische und immersive Erfahrungen zu ermöglichen. Es ist allerdings noch zu früh, um im Detail darüber zu sprechen.

Sind immersive Projekte wirklich das, was die jungen Generationen heute erwarten?

Ich denke, dass diese Innovationen den Erwartungen des jungen Publikums entsprechen. Die Kinos müssen ihr bestehendes Publikum binden und zugleich neue Zuschauer und Zuschauerinnen finden. Darauf zielen unsere Überlegungen ab.

Zeichnet der Wandel sich auch in der Filmpromotion und in der Organisation von Veranstaltungen rund um das Kino ab?

Er findet auf allen Ebenen statt. Heute wird viel von Erlebniskino gesprochen, das liegt derzeit im Trend, und die Resultate sind zuweilen beeindruckend, wie kürzlich mit «Kaizen». Doch das ist nur ein Aspekt. Ebenso wichtig ist die Auswahl der Filme, die digitale Beziehung zum Publikum über die sozialen Netzwerke und das Erlebnis vor und nach der Vorstellung. Die gesamte Kundenerfahrung muss sich weiterentwickeln.

Wie passen Sie sich an dieses neue Publikum an?

Wir bleiben sehr nahe am Publikum und ziehen Fachleute aus den Bereichen Soziologie und Geisteswissenschaften hinzu, die auch in unseren Kinos tätig sind, insbesondere im Rahmen unsers Labels mk2 Institut. Wir analysieren zahlreiche Studien, denn zu diesen Themen werden viele Daten produziert. Zuweilen vergleichen wir Daten, wenn sie uns unlogisch oder abweichend erscheinen. Schliesslich stellen wir, gestützt auf unsere Intuition und persönliche Einschätzung, unsere eigenen Überlegungen an. Innovation entsteht oft in der Praxis: Wir probieren vieles aus und lernen aus unseren Fehlern, bis wir eine Lösung gefunden haben. All unsere Grundwerte werden seit der Eröffnung unseres ersten Kinos im Jahr 1974 umgesetzt. Zu Beginn integrierten wir eine Buchhandlung in das Kino und boten ein reichhaltiges, alternatives Programm mit Filmen, die sonst nirgends zu sehen waren, Konferenzen und ausgeprägten politischen Stellungnahmen.

Was ist heute die grösste Herausforderung für die Kinos, im Hinblick auf das stetige Wachstum der Online-Plattformen?

Für mich gehören Streaming-Plattformen zur Aufmerksamkeitsökonomie, einem äusserst kompetitiven Sektor, der in einigen traditionellen Kulturbereichen für Unruhe gesorgt hat. Streaming wird oft dem Kino gegenübergestellt, doch ich denke, die grösste Konkurrenz der Streaming-Portale ist das Fernsehen sowie Videospiele und die Aufmerksamkeitsökonomie im Allgemeinen. Das Kino hingegen gehört zur Erlebniswirtschaft, wo es ums Ausgehen, um geteilte Emotionen und gemeinsame Erinnerungen geht.

In Frankreich sind die Verwertungsfenster streng geregelt, mit vorgegebenen Zeiträumen zwischen Kinostart und Ausstrahlung auf den Streaming-Plattformen. Halten Sie diese Praxis für veraltet?

Ich denke, diese Regelung ist im Grundsatz richtig und hat dazu beigetragen, dass Frankreich eine der dynamischsten Filmindustrien Europas hat, die weit über die Grenzen hinaus bekannt und an internationalen Festivals stark vertreten ist. Es stimmt jedoch, dass die Praktiken sich rasch wandeln, und es ist legitim, über gewisse Änderungen dieser Regelung nachzudenken. Das stellt aber den Grundsatz nicht in Frage.

Was sind Ihre Inspirationsquellen für die Zukunft?

Wir reisen viel und lassen uns von verschiedenen Bereichen inspirieren: zeitgenössische Kunst, Gastronomie, Sport, neue Technologien und vieles mehr. Wir analysieren auch die Konsumgewohnheiten in den verschiedenen Weltregionen. All dies fliesst in unsere Überlegungen ein und fördert unsere Einzigartigkeit. Mir fallen dazu zwei Beispiele ein: Im neuen Gebäude des MoMA in New York werden Bilder, Skulpturen, Objekte und Filmausschnitte vermischt, und die Installation mit erweiterter Realität «Noire. La vie méconnue de Claudette Colvin» im Centre Georges Pompidou in Paris, die in Koproduktion mit dem Museum entstand, ist eine der bedeutendsten immersiven Kreationen, die ich in letzter Zeit gesehen habe.

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