An den Film heranführen
Am 23. November richten die Zuger Filmtage ihren zweiten Education Day aus. Dieser Tag ist der Vermittlung und dem Kennenlernen des Filmsektors gewidmet.
Emmanuelle Fournier-Lorentz 18. März 2018
Kindern und Erwachsenen eine Leidenschaft fürs Kino vermitteln, das ist das Ziel der «Kleinen Kinoschule».
Zur Sammlung von Kurzfilmen gibt es neu eine interaktive Website.
Kino Palace Solothurn, 30. Januar, 12 Uhr: 250
Schweizer Schülerinnen und Schüler aus den
Kantonen Jura, Bern, Neuenburg und Freiburg
haben sich zur Vorstellung der «kleinen Kino-
schule» eingefunden – das zeigt, dass diese
Kurzfilmsammlung ihr Zielpublikum erreicht.
Doch die Präsenz der Serie an den Solothurner Filmtagen sowie die Einladung einzelner
Episoden zu zahlreichen Festivals zuvor zeugt
davon, dass die Qualität dieses Projekts auch
Erwachsene anspricht. Die auf Initiative der
Zauberlaterne gegründete «kleine Kinoschule»
umfasst derzeit vier Kurzfilme von renommierten Filmemachern, welche die Welt des Kinos
einem Zielpublikum zwischen acht und sech-
zehn Jahren näherbringen.
Die zweite Staffel beginnt mit Renato Berta
Zur Lancierung des Projekts wurden diese
vier Kurzfilme auf der grossen Leinwand
gezeigt. Zudem konnten die Zuschauer die
neue interaktive Website entdecken und sich
vor Ort mit Ursula Meier und Christian Frei aus-
tauschen. Die beiden Autoren haben – neben
Frédéric Mermoud und Jean-Stéphane Bron je eine Episode zur «kleinen Kinoschule»
beigetragen. Die von Milos-Films produzierten
Kurzfilme sind leicht zugänglich und intelligent. Jeder von ihnen behandelt einen Themenbereich rund ums Kino: den Dokumentar-
film, den Schauspielberuf, die Vertonung eines
Films und die Bedeutung des Blickachsen-Anschlusses. Die zweite Staffel beginnt mit einem
Beitrag des Kameramanns Renato Berta – eine
Komödie über Schnitt und Licht, die in Solothurn in Vorpremiere gezeigt wurde.
Die Idee zu diesem Projekt entstand 2013
in der Zauberlaterne. «Es ist eigentlich nahe-
liegend», sagt Vincent Adatte, Ko-Direktor der
Zauberlaterne. Wenn der Filmklub schon Filme
für Kinder zeigt, wieso sollte er dann nicht
Filme für Kinder schaffen, um ihnen die Welt
des Kinos zu erklären?
Bron, Meier, Frei, Mermoud
So sind vier schöne Kurzfilme entstanden.
So begleitet Jean-Stéphane Bron in «Der Dokumentarfilm» (2013) die zwölfjährige Ilam, die
gerne Geschichten erzählt, und bittet sie, einen
Dokumentarfilm zu drehen «über das, was sie
am liebsten mag». Rasch wird klar, dass das
ein Dokumentarfilm über die Entstehung eines
Dokumentarfilms ist, der den Begriff sowie
die Gründe und Methoden, einen solchen zu
drehen, hinterfragt. So erklärt Jean-Stéphane
Bron Ilam, dass jeder Dokumentarfilm subjektiv ist. Er bittet sie, schlecht formulierte Sätze
zu wiederholen, ihre Tante besser zu filmen
oder ihrer Mutter Anweisungen zu geben. 2015
folgt der Kurzfilm «Kacey Mottet Klein, Anfänge
eines Schauspielers» von Ursula Meier, in dem
sich Archivbilder des Kindes bei den Proben
überschneiden mit der Off-Stimme des inzwischen erwachsenen Schauspielers, der seine Erinnerungen und seine Sicht des Schauspielberufs mit dem Publikum teilt: «Früher war
eine Rolle für mich einfach eine Figur, ein Herr
XY. Heute ist eine Rolle für mich jemand, den
man zum Leben erweckt, für den man einsteht
und den man liebt.»
2016 dreht Christian Frei «Heidi beim
Geräuschemacher»: vierzehn poetische Minu-
ten, die durch die Ohren der jungen Heidi-Dar-
stellerin die Bedeutung der Tonspur im Film
veranschaulichen. «Christian Frei hat für die-
sen Film sehr unabhängig gearbeitet und einen
leidenschaftlich vermittelnden Essay für die
nächste Generation geschaffen», so Vincent
Adatte. 2017 dreht Frédéric Mermoud «Mitge-
gangen, mitgehangen» und erklärt anhand
einer fiktiven Geschichte das Prinzip des
Blickachsen-Anschlusses, das so wichtig ist im
Film. «Als Regisseur kann ich so dem Publikum
zeigen, was die Figur empfindet und Intensität schaffen», erläutert er auf der Website der
«kleinen Kinoschule» in einem interaktiven
Interview.
«Jetzt bist du dran...»
Dies ist der zweite Grundpfeiler des Projekts: Die Website der «kleinen Kinoschule» ist
interaktiv, ausbaufähig und überhaupt eine
erfreuliche Sache. Ihre Besucher können sich
nicht nur die Filme ansehen, sondern auch auf
interaktive Interviews mit den Filmemachern
zugreifen, in denen diese ihren Beruf erklären,
ihre Art, ihn auszuleben und die Werkzeuge, die
sie dazu verwenden. Mit Hilfe eines Frage-und-
Antwort-Spiels (Jean-Stéphane Bron fragt zum
Beispiel in «Der Dokumentarfilm», ob man die
Leute, die man filmt, darum bitten darf, eine
erlebte Szene nachzuspielen) werden die Kin-
der gefordert und lernen so Schritt für Schritt.
Ein weiteres spielerisches Element bietet die
Rubrik «Jetzt bist du dran...», wo die jungen
Besucher ihren eigenen Dokumentarfilm drehen können, vor der Kamera wie Schauspieler Gefühlsregungen spielen, die sie gar nicht
empfinden, oder einen Film ihrer Wahl schnei-
den können.
«Diese Website ist ein grosser Spielplatz,
den man stundenlang erkunden kann, sowohl
zu Hause als auch in der Schule», so Vincent
Adatte. Eine lebendige, mehrsprachige und
ambitionierte Website, die in Partnerschaft
mit SRF entstand und durch private Mittel von
der Zauberlaterne finanziert wurde. Die Filme
ihrerseits konnten auf die Unterstützung von
Cinéforom, BAK, SRF und der Zürcher Filmstiftung zählen.
Der Erfolg der «kleinen Kinoschule» hat die
Landesgrenzen längst überschritten, insbesondere dank der Unterstützung von MEDIA.
Da eine Schweizer Institution solche Förder-
mittel nicht direkt beantragen kann, haben
die europäischen Partner der Zauberlaterne
Fördergelder erhalten, die dazu verwendet
wurden, die Kurzfilme der Sammlung auf
Deutsch, Englisch, Spanisch, Französisch,
Italienisch und Serbokroatisch zu synchronisieren und auf Polnisch und Georgisch zu
untertiteln. Dies eröffnet ihnen zusätzliche
Vertriebsperspektiven im Kino und am Fern-
sehen. Vincent Adatte dazu: «Filmemacher
aus verschiedenen Ländern werden mit uns
zusammenarbeiten. Der internationale Erfolg
bestätigt sich langsam. So etwas wie die
‹kleine Kinoschule› gibt es kein zweites Mal.»
www.kinoschule.org
▶ Originaltext: Französisch
Mehrere Filmemacher haben schon begonnen, an der Fortsetzung der Serie zu arbeiten:Andrea Štakawirdzeigen, wie sie ihrem
Publikum Angst einjagt.Bettina Oberliwird die verschiedenen Möglichkeiten der
Inszenierung veranschaulichen, undFulvio
Bernasconiwird sich mit dem Thema der
kinematographischen Zeit befassen.
Die Sammlung wird sich auchinternational
weiterentwickeln. Renommierte Filmemacher wie Olivier Assayas, Céline Sciamma,
Albert Serra, Miguel Gomez, Mathieu
Amalric und Pippo Delbono haben Interesse
an dem Projekt bekundet. Die Beiträge dieser Filmemacher sind als Koproduktionen
mit Partnern im jeweiligen Herkunftsland
geplant.